Gallery Tour
Schöneberg
Petrit Halilaj
View inside one of the charred and graffitied steel shipping containers housing ‚Syrigana‘ props, Syrigana, 2025
Courtesy of ChertLüdde, Berlin and Petrit Halilaj
Photo: Esad Duraki
ChertLüdde ist ein guter Ausgangspunkt für die Tour durch Schöneberg. Petrit Halilaj, dessen große Einzelausstellung noch im Hamburger Bahnhof zu sehen ist, zeigt die verkohlten Überreste von Containern und Bühnenelementen seiner jüngst aufgeführten Oper, die nach einem gewaltsamen Angriff serbischer Nationalisten im Kosovo wiederaufgebaut wurden. Halilaj und sein Team sahen sich gezwungen, sie in aller Hast vor der Aufführung zu reparieren – diese übrig gebliebenen Fragmente sind Zeugnis einer Praxis, die sich zwischen persönlicher Geschichte und kollektivem Gedächtnis bewegt.
Miriam Umiń,
In Praise of Cabbage, 2024
25 x 25 x 20 cm (unit size)
Moulage, plaster, aluminum
Courtesy: Galerie Noah Klink, Josefine Reisch, Miriam Umiń
Photo: Julian Blum
Weitere Container gibt es bei Galerie Noah Klink, ein paar Schritte die Crellestraße hinunter. In der Duo-Ausstellung „Proxy Proxy“ unternehmen Miriam Umiń und Josefine Reisch eine spielerische Auseinandersetzung mit Bildkultur. Die in Berlin geborene Reisch verbindet mythologische Figuren mit allzu vertrauten Blickwinkeln; in einem Gemälde bilden Containertüren den Hintergrund für ihre Meerjungfrauen und Galionsfiguren – sie verführen den Betrachter mit der Sogkraft des bereits Gesehenen. Nicht verpassen: Miriam Umińs Olivenöl-Skulptur in „Mama-Größe“, ein heimlicher Höhepunkt des Wochenendes.
Candice Breitz
Private Dancer, 2026
Courtesy: artist and KOW, Berlin
Weiter geht’s zur Kurfürstenstraße, wo sich einige Galerien tummeln, direkt zu KOW mit einer Ausstellung der südafrikanischen Künstlerin Candice Breitz. Breitz, die nicht scheut, institutionelle Heuchelei und den Druck auf die künstlerische Produktion offen zu benennen, bleibt in der Ausstellung „Hot Potato“ ihrer charakteristischen Direktheit treu. Neben Hommagen an Mark Wallinger und John Baldessari wird das Schaufenster der Galerie zur Bühne für Private Dancer, eine Wochenend-Performance der Künstlerin selbst, die den Laden in eine Vitrine für die Passanten verwandelt.
Ketuta Alexi-Meskhishvili
G-Hands, 2026
Dye Sublimation on Aluminium
125 x100
Courtesy: Galerie Molitor, Berlin.
Direkt nebenan bei Molitor zeigt Ketuta Alexi-Meskhishvili ihre Arbeiten – die georgisch-amerikanische Künstlerin ist gerade in aller Munde. Ihre Werke, die analoge und digitale Techniken verschmelzen, widersetzen sich festen Lesarten, ob bei Blumenabdrücken oder künstlichen Eiern, die in zäher Masse schweben. Die Spuren des Entstehungsprozesses bleiben oft sichtbar und treten durch geschichtete Kompositionen hervor, die bewusst offengelassen werden. Das Künstlergespräch in der Neuen Nationalgalerie am Freitag, 1. Mai 2026, um 17 Uhr, sollte man sich ebenfalls vormerken.
Markus Selg
THE WORK Xenia´s Legacies (vase_1 green), 2024
PLA Filament
31 x 17 x 17 cm
Courtesy: artist & Galerie Guido W. Baudach, Berlin
© Markus Selg 2024
Photo: Roman März
Hinein in die Pohlstraße, zur Gruppenausstellung bei Galerie Guido W. Baudach: Tamina Amadyar, Hinako Miyabayashi, Thomas Helbig, Markus Selg und Andy Hope 1930. Unter dem Titel „Auto-Paragone“ greift die Ausstellung den Wettstreit der Renaissance zwischen Malerei und Skulptur wieder auf, eine verblüffende Auswahl. Die resonanten Aquarelle der afghanisch-deutschen Malerin Tamina Amadyar treffen auf computergenerierte Werke von Markus Selg, etwa seine Arthropoden-Fossilien, als Kopien ohne Original erscheinen.
Elisa Giardina Papa
She Flickered In and Out of History, 2026
Video installation, 18 minutes
Still from the video
Courtesy of the artist and Galerie Tanja Wagner, Berlin.
Auf der anderen Straßenseite zeigt Galerie Tanja Wagner Elisa Giardina Papas „A Naked-Eye Blue“. Die neue Videoinstallation erzählt die erstaunliche Geschichte einer Insel, die nach einem Vulkanausbruch urplötzlich im Mittelmeer auftauchte und einen hitzigen Streit über die Souveränität unter europäischen Mächten auslöste. Was folgt, ist mindestens ebenso absurd und lohnt die eigene Entdeckung. Die italienische Künstlerin hat sich eine eigene Nische geschaffen, irgendwo zwischen vergessenen Wissensformen und einem sanften Lächeln über hegemoniale Ansprüche auf Ordnung und Lesbarkeit.
Antonio Ballester Moreno
Red Orange, 2025
Acrylic on jute
92×73 cm
Courtesy: artist and Tanya Leighton Berlin and Los Angeles
Photo: Gunter Lepkowski
Zurück über die Potsdamer Straße in die Kurfürstenstraße, zum verlässlich starken Programm von Tanya Leighton, wo der spanische Künstler Antonio Ballester Moreno zu sehen ist, der gerade auch eine Einzelausstellung im Museo CA2M in Madrid hat. Der Maler arbeitet mit einer hochstilisierten, konzeptuellen Sprache, die zunächst heiter simpel wirkt – leuchtende Farben, fast kindliche Bildwelten –, hinter der sich jedoch eine weit bewusstere und durchdachtere Struktur verbirgt: eine anhaltende Meditation über die materielle Gegenwart von Landschaft, auf Formen reduziert, die leise unter die Haut gehen.
Lukas Quietzsch
Untitled, 2023
Gouache on canvas
100 × 110 cm
Courtesy: artist and Schiefe Zähne, Berlin
Photo: Julian Blum
Es ist kaum zu glauben, dass die junge Galerie Schiefe Zähne schon so lange existiert, um eine dritte Einzelausstellung mit Lukas Quietzsch auszurichten. “Appeal to individualism“ untergräbt spielerisch die visuellen Codes der Malerei und knabbert an den äußersten Grenzen der Darstellung. Voll konkurrierender abstrakter Energien, mit gelegentlichen figurativen Momenten, sind die Arbeiten verlockend suggestiv, ihre Bedeutung niemals ganz festgelegt. Der in Liechtenstein geborene Maler erregt wachsende Aufmerksamkeit – ein Name, den man sich merken sollte.
Tauba Auerbach
Foam, 2026
Acrylic on Dibond panel
122 x 183 cm
Courtesy the artist and Esther Schipper, Berlin/Paris/Seoul
Photo © Steven Probert
© the artist / VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Hinein in die Mercatorhöfe, wo sich etablierte und aufstrebende Galerien die Klinke in die Hand geben. Mit dem Aufzug oder, wer noch kann, die Treppen hoch zu Esther Schipper, dort sind zwei in den USA geborene Künstlerinnen zu sehen: Celeste Rapone und Tauba Auerbach. Rapones Malereien sind anatomisch unwahrscheinlich, beschwören in ihrer mehrschichtigen Souveränität aber ein köstliches Gefühl von Sehnsucht und Millennials-Ermächtigung. Auerbach wiederum setzt auf experimentelle Prozesse und interdisziplinäres Handwerk, um Muster in Naturphänomenen sichtbar zu machen, viszeral, am Rand zwischen Kohärenz und Auflösung.
Rudolf Stingel
Untitled, 2016
Oil on canvas
335 x 258 cm
© Rudolf Stingel
Courtesy the artist and Galerie Max Hetzler Berlin | Paris | London | Marfa.
Photo: def image
Nebenan präsentiert Galerie Max Hetzler eine eindrucksvoll zusammengestellte Gruppenausstellung, kuratiert von Blau-International-Redakteur Cornelius Tittel. Unter dem aphoristischen Leitthema „Die faszinierendste Oberfläche der Welt ist die des menschlichen Gesichts“ vereint die Ausstellung eine umfangreiche Auswahl an Selbstporträts – von etablierten Künstlern wie Martin Kippenberger und Tracey Emin bis hin zu jüngeren, vielbeachteten Positionen wie Lorenzo Amos. Letzterer nutzt die palimpsestartigen Schichten seiner Atelierwände, um das Selbstporträt in eine Reflexion über die eigene Existenz zu verwandeln. Das Gesicht erscheint dabei als ein umkämpfter Ort, an dem Identität inszeniert, gebrochen und subtil verändert wird und zugleich das Gesicht des Betrachtenden zurückspiegelt.
Jorinde Voigt
Non-Fiction (Confidence Spectrum) II, 2026
Gold leaf, ink and pastel on paper, framed
137.9 x 70.3 cm (unframed)
© Jorinde Voigt / VG Bild-Kunst
Courtesy Galerie Judin, Berlin
Photo: Roman März
Direkt nebenan zeigt der großzügige Ausstellungsraum der Galerie Judin Werke von Jorinde Voigt. Es ist ihre erste Ausstellung mit der Galerie, die Appetit darauf macht, ihre weit ausgreifenden, hochkomplexen Bildwelten im doppelgeschossigen Raum zu erleben. In ihren neuen Serien, die Muster und Wahrnehmungsprozesse visualisieren, verbindet sie ihre gewohnte konzeptuelle Strenge mit einer unmittelbaren, fast körperlich spürbaren Präsenz. In den Räumen der Tankstelle – einer ehemaligen modernistischen Tankstelle, die heute als Ausstellungsort dient – ist die erste Einzelausstellung von Adam Lupton zu sehen. Der in Kanada geborene und in Berlin lebende Maler beschränkt sich hier auf eine reduzierte Farbpalette und entwickelt daraus sorgfältig komponierte Szenen des zeitgenössischen Lebens. Seine Gemälde verbinden Collage- und Stempeltechniken zu vielschichtigen, haptischen Oberflächen, die zugleich geistreich und verspielt wirken, wie Tagträume an einem langen Nachmittag.
José Montealegre
Bellifortis Konrad Kyeser – Feuerwerkbuch von 1420
Courtesy: the artist and Galerie Thomas Schulte, Berlin
Auf der anderen Seite der Mercatorhöfe präsentiert die Galerie Thomas Schulte ihre zweite Ausstellung mit dem costa-ricanischen Künstler José Montealegre. Der mittlerweile in Berlin lebende, multidisziplinäre Künstler zeigt Skulpturen und Arbeiten auf Papier, die untersuchen, wie sich Totems der Macht konstruieren und transformieren lassen. Die Werke greifen häufig Motive aus Waffen, Rüstungen und anderen Formen der Machtausübung auf. In einer dichten, aufgeladenen Vielschichtigkeit von Anspielungen spiegeln sie einen Moment wider, in dem konkurrierende Geschichtsbilder und Deutungen zunehmend prägen, wie Macht verstanden wird. Auch wenn es schwierig ist bei der großen Fülle an Ausstellungen, lohnt sich hier eine längere Betrachtung.
Qiu Ruixiang
Untitled, 2023-2026
Oil on Canvas
210 x 145 cm
Courtesy: Hua International and the artist
Photo: baiyang
Die Treppe hinauf zeigt Hua International die Ausstellung „BREATHE. AS IN. (SHADOW)“, eine gemeinsame Präsentation von Qiu Ruixiang und Peter Welz. Eine ungewöhnliche und zugleich opulente Konstellation, ermöglicht durch die interkontinentale Ausrichtung der Galerie und ihre Dependance in Shanghai. Ein Gedicht der US-amerikanischen Dichterin Rosamond S. King bringt die beiden Künstler in Dialog. Während Ruixiang sich nach innen wendet, erweitert Welz den Körper im bewegten Bild, in dem sich Identität im Schatten auflöst und neu formiert. Gemeinsam entfalten die Arbeiten ein Spiel aus Rhythmus, Dauer und Präsenz.
Giorgio Griffa
Tre linee con arabesco n.1428, 1994
Acrylic on canvas (prepared)
85 x 93 cm
Courtesy: Fondazione Giorgio Griffa
Ebenfalls im Hof präsentiert die Walter Storms Galerie – gegründet in München und heute auch in Berlin vertreten – den international renommierten, italienischen Künstler Giorgio Griffa, dem 2022 eine umfangreiche Retrospektive im Centre Pompidou gewidmet war. Griffa malt direkt auf rohe, ungrundierte Leinwand, die er häufig flach ausbreitet, und zieht dabei Sequenzen aus Zahlen, Punkten und Textfragmenten über deren körnige Oberfläche. Die entstehenden Kompositionen, zugleich zurückhaltend und lyrisch, werden lose an der Wand befestigt und erinnern an die fragile, beinahe schmerzliche Leichtigkeit italienischer Fresken.
Berni Searle
Still. (Print #6) , 2001
Digital print on Plexiglass
120 x 120 cm
Courtesy: the artist and PSM, Berlin
Weiter geht’s ans Schöneberger Ufer, wo sich ebenfalls einige Galerien sammeln. PSM präsentiert die multidisziplinär arbeitende südafrikanische Künstlerin Berni Searle, deren Arbeiten später auch auf der Venedig Biennale zu sehen sein werden. Die kommende Ausstellung mit dem Titel „Light, as a Feather“ vereint zwei jüngere Werkserien, in denen Selbstrepräsentation und kollektive Identität durch Materialien wie Zucker, Federn und Mehl untersucht werden, die direkt auf den Körper der Künstlerin aufgetragen werden. Searle arbeitet häufig mit diesen leichten, durchscheinenden Substanzen, die sie in Beziehung zu ihren gewichtigen sozio-politischen Bedeutungen setzt – und rückt so den Körper als einen Ort in den Vordergrund, an dem sich Geschichten von Arbeit, Migration und kulturellem Austausch einschreiben.
Ingrid Wiener
Daheim, 2017
Wool, silk, cotton
100 x 50 cm
Courtesy the artist and Galerie Barbara Wien
Photo: Nick Ash
Bei Barbara Wien zeigt die in Wien geborene Künstlerin Ingrid Wiener ihre dritte Ausstellung mit dem Titel „Gobelins, Films and Dreams“. Zu sehen sind sogenannte „Traumzeichnungen“, Filme, Schallplatten und Tapisserien, in denen wiederkehrende Motive wie häusliche Rohrsysteme mit trockener, beinahe diagrammatischer Klarheit erscheinen – eine eigentümlich prägnante Verbindung von Alltäglichem und Symbolischem. Ergänzt wird die Ausstellung durch einen Film ihres Ehemanns Oswald Wiener über die Entstehung der Arbeiten sowie durch Archivmaterialien aus ihrer langjährigen Zusammenarbeit mit Dieter Roth, die zugleich die engen Bezüge der Galerie zu diesem erweiterten kulturellen Kontext sichtbar machen.
Adam Gordon, 2026
Courtesy the artist and Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin
Den Abschluss bildet die Galerie Isabella Bortolozzi, die nahezu einem Kunstheiligtum gleicht: Hier zeigt der junge, in den USA geborene Maler Adam Gordon die Ausstellung „Months Turn to Years“. Die Ausstellung behauptet sich als geschlossenes Ganzes, in dem jedes Werk zu einer feinen Spannung zwischen Präsenz und Abwesenheit beiträgt – eine spürbare Instabilität, die ihre eigentliche Anziehungskraft entfaltet. Indem Gordon seine Bildräume aus oft unsichtbaren Schichten und Unterlegungen heraus entwickelt, wird der malerische Prozess selbst konstitutiver Bestandteil der Arbeiten. Mit souveräner Kontrolle über Schichtung, Inszenierung und Wahrnehmung entfaltet dieser Werkkomplex eine eigenständige psychologische Intensität, die präzise auf das Programm der Galerie abgestimmt ist.