Gallery Tour
Charlottenburg
Caroline Bachmann
An American Lake Étoiles nuit, 2026
Oil on canvas
80 x 240 cm
Courtesy of the artist and Meyer Riegger
Photo: Oliver Roura
Die Charlottenburger Tour beginnt bei Meyer Riegger in der Schaperstraße mit einem Blick auf die schimmernde Wasseroberfläche des Lake Geneva in Wisconsin USA. Caroline Bachmann hat diesen gemalt, wieder und wieder, in unterschiedlichem Licht und aus verschiedenen Perspektiven. Für ihre neue Gemäldeserie „Der See und die Sonne“ hat sich die Schweizer Malerin auf eine Reise zum Namensvetter des Genfer Sees begeben, an dessen Nordufer sie lebt, wenn sie nicht in Berlin ist. Fünf Tage lang umrundete Bachmann ihn, skizzierte Wasser, Landschaft und Himmel bei Tag und bei Nacht, um diese Eindrücke später mit durchlässiger Ölfarbe Schicht um Schicht auf die Leinwand zu übertragen. Jedem ihrer Bilder verpasste sie im Anschluss noch eine asymmetrische Umrahmung aus Farbe, die das Blau des Wassers noch stärker schimmern lässt.
Slawomir Elsner
Blaues Pferd I, 2021 (after Franz Marc, 1911, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München)
Coloured pencil,
12 x 84,5 cm
Copryright: Slawomir Elsner Courtesy: Galerie Friese
Nicht weit ist es von dort zur Meierottostraße, wo der in Polen geborene, heute in Berlin lebende Künstler Sławomir Elsner sein Debüt in der Galerie Friese dem Pferd widmet. Mit der ihm eigenen Stricheltechnik adaptiert er bekannte Motive der Kunstgeschichte wie der Alltagskultur. Dieses Mal nimmt er sich unter anderem Manets „Horsewoman, Full-Face (L’Amazone)“, Raffaels „Heiliger Georg“ und Franz Marcs „Blaues Pferd“ vor. Die Art und Weise, wie Elsner sich mit Buntstiften von Hell nach Dunkel arbeitet, ähnelt den Maltechniken der Alten Meister, jedoch ist der Effekt ein anderer: Seine Bilder werden durch die akribischen Striche unscharf, vieldeutig, verfremdet. Ergänzt werden die Zeichnungen durch Elsners „Nachtstücke“, beinahe abstrakte Aquarelle von Sternenbildern.
Yuji Agematsu
Zip: 01-01-2024–12-31-2024, 2024 (detail)
Mixed media in cigarette pack cellophane wrapper
Photo: Reggie Shiobara
Courtesy of Yuji Agematsu and Galerie Buchholz
Ob der kurze Fußmarsch von dort zur Galerie Buchholz Yuji Agematsu wohl zusagen würde? Der 1956 in Kanagawa/Japan geborene Künstler durchstreift Tag für Tag die Straßen seiner Wahlheimat New York in mal längeren, mal kürzeren Spaziergängen. Seit 1996 sammelt er dabei das auf, was ihm vor die Füße fällt: achtlos Weggeworfenes, Dinge, die andere als Abfall bezeichnen würden, Laub, Äste, Federn, kleine Trophäen des Alltags. In den Zellophanhüllen von Zigarettenschachteln arrangiert er das Gefundene zu wundersamen Gebilden, poetischen Miniskulpturen, einem stofflichen Tagebuch. Ein Jahr in „Zips“ – so nennt der Künstler die fortlaufende Serie – ist in Agematsus erster Einzelausstellung in Deutschland zu sehen, 366 Arbeiten aus dem Jahr 2024. Ergänzt werden diese von einer Installation aus projizierten 35-mm-Dias, aufgenommen von Agematsu vor 30 Jahren: 1994 in den Straßen von Marseille.
Franz West
Madley II, 1996-2003
Courtesy Galerie Crone, Berlin Vienna, and Galerie Thoman, Innsbruck Vienna
Nebenan bei Crone treffen Skulpturen und Objekte von Franz West auf Werke Bruno Gironcolis. West hatte in den 1970er Jahren an der Akademie der bildenden Künste in Wien bei Gironcoli studiert. Auch danach blieben die beiden zeitlebens miteinander verbunden, die Ausstellung bei Crone ist dennoch die erste Duoausstellung der beiden. Direkt gegenübergestellt treten Gemeinsamkeiten wie Gegensätze der beiden österreichischen Ausnahmekünstler hervor: in ihren Sujets, im Umgang mit Materialien und Oberflächen, in Zugewandtheit und Nahbarkeit und in der symbolischen Aufladung von Form und Gestalt.
Rudolf Belling
Skulptur 23, 1923
Polished brass
42cm high
Courtesy: Kunsthandel Wolfgang Werner
© Archiv Rudolf Belling, Krailling / 2026, VG Bildkunst, Bonn
Photo: Lars Lohrisch, Bremen
Thirty-five years ago, Wolfgang Werner opened the Berlin branch of his art dealership on Vor 35 Jahren eröffnete Wolfgang Werner zusätzlich zu den alteingesessenen Räumen in Bremen, den Berliner Standort seines Kunsthandels in der Fasanenstraße. Das Jubiläum begeht die renommierte Galerie mit ikonischen Werken zweier Künstler, die von Beginn an immer wieder dort zu sehen waren: Willi Baumeister und Rudolf Belling. Von Baumeister ist neben weiteren Arbeiten aus den 1940er Jahren das Ölgemälde „Afrikanische Geister“ ausgestellt, mit dem der Maler 1949 auf der ersten Documenta vertreten war. Von Belling wiederum werden mit „Dreiklang“ (1919), „Organische Formen“ (1921) und „Skulptur 23“ (1923) drei Plastiken präsentiert, die einem größeren Publikum erstmals 1924 in der großen Einzelausstellung des Künstlers in der Berliner Nationalgalerie vorgestellt wurden.
Travis MacDonald
Suspicious Minds, 2026
Oil on canvas
190 x 110 cm
Courtesy: the artist and Contemporary Fine Arts
Mit gleich zwei Berliner Debüts wartet CFA auf. Zu entdecken gibt es da die zu schimmern scheinende Malerei des 1990 geborenen Neuseeländers Travis MacDonald. MacDonald, der mittlerweile in Berlin lebt, trägt mit Wasser verdünnte Ölfarbe in so dünnen Schichten auf, dass es so wirkt, als ob man durch transparente Vorhänge auf die Bilder blicken würde. Ihre Bildsprache ähnelt der von Felix Valloton, nur mit heruntergedimmter Farbsättigung und mit zeitgenössischen Motiven. Wobei letzteres so ganz auch nicht stimmt, etwas aus der Zeit gefallen erscheinen die Personen, denen man darauf in großen Gruppen oder allein vor sich hin sinnend begegnet. Als Inspiration dient MacDonald oft Musik, was sich auch in den Titeln widerspiegelt.
Die zweite Malereiausstellung stammt von dem Franzosen Julien Heintz. Auch er malt figurativ, obwohl durch die wässrige Unschärfe seiner Darstellung seine Sujets nur mehr in Umrissen zu erkennen bleiben, wie Erinnerungen, die zu verblassen drohen. Die Personen, die er porträtiert, sind unbekannte historische Figuren, Zeitzeug*innen geschichtlicher Einschnitte und Umbrüche, großer und kleiner Ereignisse. Bei CFA präsentiert Heintz eine Serie von Ölgemälden und Pastellzeichnungen auf Papier.
Sam Pulitzer
Courtesy of the artist and Lars Friedrich, Berlin
Etwas versteckt im ersten Stock eines Altbaus auf der Kantstraße zeigt Lars Friedrich neue Arbeiten Sam Pulitzers. Der US-amerikanische Künstler greift darin auf die dreiteilige Form des Emblems bestehend aus Lemma, Icon und Epigramm zurück, wie diese der italienische Jurist und Humanist Andrea Alciato im 16. Jahrhundert prägte. Das Ergebnis ist ein Zyklus von 35 kontrafaktischen Aussagen samt Illustration und Definition, wobei die eine jeweils auf die nächste, die letzte wieder auf die erste verweist.
Markus Lüpertz
Haus der Athene, 2025
Mixed media on canvas
160 x 200 cm
© VG Bild-Kunst Bonn, 2026
Photo: Jens Ziehe, Berlin
Seit fast 60 Jahren arbeitet die Galerie Michael Werner mit Martin Lüpertz zusammen, im Jahr 1968 zeigte sie die erste Ausstellung des Malers in Berlin in der Kantstraße. Den 85. Geburtstag Lüpertz‘ feiert sie nun mit einer Jubiläumsausstellung mit dem programmatischen Titel Die Überwindung der Moderne, die am heutigen Berliner Standort Michael Werners in der Hardenbergstraße zu sehen ist. Die aktuellen Bilder umkreisen das, was Lüpertz künstlerischen Haltung ausmacht: seine fortwährende Befragung der Malerei, die Auseinandersetzung mit zentralen Begriffen der Moderne und die Erschaffung einer eigenständigen Bildordnung, die malerische Traditionen neu sortiert.
Sophie von Hellermann
Watercolor on paper (detail), 2026
Photo credit Wentrup, courtesy the artist.
Von innerer und äußerer Gefangenschaft, Selbstentfremdung und Isolation erzählt Rainer Maria Rilke, dessen Todestag sich 2026 zum 100. Mal jährt, im bekanntesten seiner Dinggedichte. Für seinen „Panther“ versetzte sich der Dichter in eine Raubkatze aus dem Pariser Jardin des Plantes, inspiriert unter anderem von einem Gipsabdruck, den er im Atelier von Auguste Rodin gesehen hatte. Für eine neue Werkgruppe von Sophie von Hellermann, die bei WENTRUP zu sehen ist, war Rilkes Gedicht Ausgangspunkt, wie es oft Literatur und Film, Mythologie und Geschichte sind, die der Malerin eine Richtung vorgeben. In einer Art imaginären Dialog lässt von Hellermann in einer Mischung aus Intuition und Kalkül poetische Landschaften und Szenerien mit reinen Pigmenten und breiten Pinselstrichen auf ungrundierter Leinwand und gerne auch über diese hinaus wachsen. Das Malen vergleicht sie mit Schreiben und Sprechen, betrachtet es als eine Form der Kommunikation, mit der sie einlädt, in ihre Welt hinter den „tausend Stäben“ einzutreten.
Vivien Zhang
Tectonic Bloom, 2026
Acrylic and oil on linen
200 x 180 cm
© Vivien Zhang, courtesy the artist and Galerie Max Hetzler Berlin | Paris | London | Marfa.
Photo: Jack Hems
Ganz anders, aber ebenso beeindruckend ist die Malerei Vivien Zhangs, die in der Dependance von Max Hetzler in der Goethestraße zu sehen ist. Zhang ist 1990 in Peking geboren, in China, Kenia und Thailand aufgewachsen, studierte in London, wo sie auch heute lebt und arbeitet. All diese Stationen, Migrationserfahrung und kulturelle Differenzen prägen ihre Kunst. Field Conditions hat sie ihre neue Ausstellung, die Gemälde und Papierarbeiten umfasst, genannt. Ein Teil der Arbeiten ist von Blumen inspiriert. Die Künstlerin setzt sich mit botanischen Klassifikationssystemen auseinander, wählt daraus Blumen aus, die als falsche (pseudo) oder verwandte (affinis) Version einer anderen Pflanze eingeordnet werden. Mit Acryl und Öl entstehen Gemälde, die oft wie fragmentierte Muster wirken. In ihren Schmetterlingsbildern wiederum bringt sie die Tarnform der Flügel des Glasflügelfalters mit der „Butterfly“-Weltkarte zusammen. Diese stellt den Versuch dar, Formen und Größen der Kontinente und Ozeane möglichst genau wiederzugeben, in der abstrahierten Form eines Schmetterlings.
Auch die neuen Arbeiten Darren Almonds, der bei Max Hetzler in der Bleibtreustraße ausstellt, verweisen auf die Natur und die Welt der Pflanzen. Die Weide, ihre charakteristisch bis ins Wasser herabhängenden Zweige und die Lichtspiegelungen, die sich dabei ergeben, sind das zentrale Motiv, das Almond in Variationen durchspielt. Der 1971 geborene britische Künstler arbeitet mit einer Vielzahl von Medien, darunter Fotografie, Film, Installation und Skulptur. In Between the Lines ist es vor allem die Malerei, die er für seine Suche nach Bildern für die Jahreszeiten, den ewigen Zyklus der Natur nutzt.
Tatjana Doll
RIP Elite, 2018
Oil on canvas
270 x 315 cm
Photo: Jörg von Bruchhausen
Das 50. Jubiläum ihrer Gründung kann in diesem Jahr auch die Galerie Michael Haas feiern, die sich fast ebenso lange schon in eleganten Räumen in der Nibuhrstraße befindet. Dort widmet man zum Gallery Weekend Jean Dubuffet eine Einzelausstellung, die sowohl Malerei als auch Zeichnungen des französischen Malers, Grafikers und Grenzgängers umfasst. Darüber hinaus verweist eine umfangreiche Gruppenausstellung, die auch die Räume des Kunstlagers Haas umfasst, auf den Einfluss eines anderen französischen Künstlers auf die Nachwelt: Édouard Manet. D’après Manet versammelt Künstler*innen der Galerie und weitere mehr, darunter Almut Heise, Gregor Hildebrandt, Martha Jungwirth, Albert Oehlen, Lydia Pettit, Daniel Richter und René Wirths.
Katherine Bradford
The Inheritance, 2025
Acrylic on canvas
152.5 x 122 cm
© Katherine Bradford; Courtesy Haverkampf Leistenschneider, Berlin
Photo: Jens Ziehe
Ein wenig in die Irre führt der Titel Alltag, den Katherine Bradford ihrer Ausstellung bei Haverkamp Leistenschneider (Perspectives) gegeben hat. Was die US-amerikanische Malerin in ihren ausdruck- wie farbstarken Gemälden festhält, die traumartigen Kompositionen, in die sie ihre Figuren versetzt, haben in der Regel wenig Alltägliches an sich. Etwas Mehrdeutiges, Geheimnisvolles scheint sich auf ihrer Malerei zuzutragen, die Verwandtschaft zum abstrakten Expressionismus wie der Farbfeldmalerei aufweist, gleichsam aber ganz zeitgenössisch Fragen nach Identität und Geschlecht aufwirft. Fünf schemenhafte, uniformierte Personen gruppieren sich da etwa unter einem überdimensionierten Hut, zwei Frauen waten gedankenverloren bei Mondlicht durchs Wasser. Bradford wirft mit ihren Bildern Rätsel auf, macht sie emotional erfahrbar.
Wynnie Mynerva
El Amor en los tiempos de colonialismo, 2026
Video
Duration: 6 min 34 sec
Courtesy the artist, Société, Berlin and Gathering London / Ibiza
Edi Rama
Untitled, 2026
Bronze
34 x 38 x 62 cm
Courtesy of the artist and Société, Berlin.
Photo: Trevor Good
Bei Société in der Uhlandstraße versucht Wynnie Mynerva die Kraft der Liebe malerisch zu erkunden. Mynerva, geboren in Lima, versteht sich als nonbinär und geht von eigenen Erfahrungen aus, um universelle Fragen zum Zusammenleben, zu Intimität und Verbundenheit von Menschen und Gesellschaften auszuformen. Mit den Mitteln der Malerei und Fotografie erforscht Mynerva ausgehend von kolonialer Geschichte, Migrationserfahrungen und den Errungenschaften der sexuellen Befreiung inwiefern sich Menschsein durch die Verbundenheit zu anderen Individuen und Gruppen bedingt.
Als zweiten Künstler präsentiert Société erstmals Skulpturen von Edi Rama. Sie beruhen auf abstrakten Zeichnungen, die der Künstler, der seit 2013 Premierminister von Albanien ist, während Besprechungen mit Tinte, Filzstiften und Kreiden in Kalendern und auf Notizzetteln anfertigt. Per 3D-Druckverfahren werden diese in den Raum übersetzt. Die Formen für die Bronzeskulpturen anschließend von Hand geformt. Ganz neu ist auch Ramas erste großformatige Außenskulptur, die im Galeriegarten platziert wird.