Regisseur Philip Gröning
„Ohne Kunst verhungern wir“

Interview by Jens Hinrichsen.
First published in November 2018, Monopol

A sneak preview to one of the artists at Gallery Weekend* Discoveries: Ebensperger is planning to exhibit Philip Gröning’s “Oktoberfest Phantom”, an immersive virtual reality using artificial intelligence to reconstruct the spaces and sounds of the Oktoberfest tents. 

Philip Gröning, „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“, 2018, film still, courtesy W-film/Philip Gröning Filmproduktion.

Was ist der Mensch? Ein denkendes, ein handelndes, ein kopfloses Wesen. In seinem neuen Film erzählt Philip Gröning (“Die große Stille”, “Die Frau des Polizisten”) von der Faszination und der Ohnmacht der Philosophie. Und von einem jugendlichen Zwillingspaar – verblüffend glaubwürdig verkörpert von Josef Mattes und der als Autorin bekannten Julia Zange –, das sich auf surreale Weise radikalisiert. Natural Born Thinkers. Jetzt kommt das monströse Meisterwerk “Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot” ins Kino. Jens Hinrichsen hat mit dem Regisseur gesprochen

Philip Gröning, im Mittelpunkt Ihres neuen Films “Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot” steht ein Zwillingspaar, Elena und Robert. Warum diese Konstellation?

Ich habe einige Zwillingspaare kennengelernt. Das sind unglaublich innige Beziehungen. Darüber wollte ich einen Film machen, und über den Moment, in dem diese Innigkeit verlassen werden muss. Der Film dreht sich ja um Zeit. Ich bin fest davon überzeugt, dass das Zeitbewusstsein der Menschen durch das Verlassenwerden entsteht. Das habe ich bei meinem Sohn erlebt, als er vier Monate alt war. Seine Mutter ging kurz raus, was für ihn eine Katastrophe war. Das Kind war nicht zu trösten. Da habe ich begriffen, dass für einen Säugling die Möglichkeit, dass die Mutter zurückkommt, gar nicht gegeben ist, weil für ihn Zeit nicht existiert. Es gibt nur das Jetzt, in dem die Mutter weg ist. Aber wenn bei Zwillingen die Eltern weg sind, ist immer das andere Kind da. Die müssen eine andere Zeit haben. Und tatsächlich ist es bei Zwillingspaaren, die ich kenne, selbst im Erwachsenenalter so. Die leben in einer besonderen Zeitblase. Sie können sich heftig miteinander streiten, aber sie wissen, dass der andere auf keinen Fall weggeht. Eine halbe Stunde nach dem Zoff sitzen sie wieder zusammen und überlegen: Was machen wir jetzt?

Der Film spielt an einem Sommerwochenende, an dem sich Elena auf ihr mündliches Abitur im Fach Philosophie vorbereitet. Ihr Zwillingsbruder Robert, kein Idiot, aber vielleicht eine Inselbegabung, hilft ihr. Der Schauplatz ist idyllisch: Kornfeld, Wiese, Landstraße, eine Tankstelle, im Hintergrund die Alpen. Aber die Zwillinge lassen die Situation irgendwann aus dem Ruder laufen. Warum eskaliert die Geschichte so?

Ich habe mich auch immer gefragt, warum das so krass entgleisen muss. Da entlädt sich eine Spannung zwischen den beiden. Und sie verlieren die Kontrolle. Menschen glauben ja immer, dass sie die Zeit kontrollieren können. Wir sind ununterbrochen dabei abzuwägen zwischen dem, woher wir kommen, der Vergangenheit, und dem, wo wir hinwollen. Es gibt aber Ausnahmesituationen – bei Unfällen oder plötzlicher Krankheit – in denen die Gegenwart selbst übernimmt und alles rationale oder moralische Handeln wie weggewischt ist. Eine Konzeption von Zukunft erscheint da sinnlos.

Zeit ist ein Thema des Films, sagen Sie. Bei Augustinus, der in den Gesprächen der Zwillinge vorkommt, heißt es: Wir wissen, was Zeit ist, aber wenn wir danach gefragt werden, können wir die Frage nicht beantworten.

Ich bin ein großer Fan von Recherche. Ich habe das Filmprojekt auch dazu missbraucht, um mich mit Philosophie zu beschäftigen. Vor allem mit der Frage der Zeit. Je mehr man darüber nachdenkt und darüber weiß, desto rätselhafter wird der Gegenstand. In der Geschichte der Philosophie sind die großen Fragen immer gleich geblieben, nur die Antworten haben sich geändert. Die Fragen sind eigentlich nicht beantwortbar. Gravitation ist ein großes Rätsel. Was ist Gott? Was ist Liebe? Und eben: Was ist Zeit?

Inwiefern waren auch die Dreharbeiten ein Kampf mit der Zeit?

Wir mussten den Dreh zweimal verschieben. Einmal war ich krank, dann die Szenenbildnerin. Wir haben von August bis Ende Oktober gedreht, denn im Frühsommer ändern sich die Farben von jedem Grashalm, jedem Blatt, jeder Blume ununterbrochen. Um aber August bis Oktober zu drehen, mussten wir die Zeit in der Vegetation optisch anhalten. Ich habe mir dann Rat von Landwirtschaftsexperten geholt, zwei Professoren, die mir sagten, die Natur über Monate gleich aussehen zu lassen, sei unmöglich. Aber sie haben mir doch geholfen, das Problem zu lösen. Wir haben ein Getreide gesät, kurzstielige Triticale, das sehr witterungsstabil ist. Um das Getreidefeld haben wir Plastikfäden spannen lassen. Die Professoren sagten nämlich, dass Monsanto das auch immer so macht, wenn riesige Weizenfelder für Saatgut-Werbung gefilmt werden. Die Fäden stabilisieren das Getreide, denn ein Feld ohne Schneisen, die der Wind geschlagen hat, so etwas gibt es in der Natur gar nicht. Später mussten wir sogar noch feines Ockerpigment, natürlich biologisch abbaubar, im Feld versprühen, um die Farbe des Getreides konstant zu halten. Klingt irre, ging aber nicht anders. Weil Julia Zanges blondes Haar so dicht an der Farbe von reifem Weizen dran war, dass sich ihre Haarfarbe von Einstellung zu Einstellung geändert hätte, wenn wir versucht hätten, diesen Farbton in der Postproduktion zu erzielen.

Philip Gröning, „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“, 2018, film still, courtesy W-film/Philip Gröning Filmproduktion.

2013 waren die Szenen im Feld und an der Tankstelle abgedreht. Warum hat der Film aber erst 2018 Premiere gefeiert?

Das verdammte Zeitthema! Nun hatten wir noch Nachdrehs im Sommer 2014. Aber der Schnitt hat tatsächlich sehr lange gedauert. Man merkt beim Schneiden, dass der Film immer ein wenig woanders hin will, als man dachte. Man muss dem Material sozusagen zuhören. Das verkompliziert die Sache, der geplante Aufbau funktioniert nicht mehr, du muss den Film neu entstehen lassen. Es gibt einen schönen Satz von Heidegger, dass es eine andere Wahrheit ist, die man fordert, als die Wahrheit, die einem entgegenkommt. Das gilt auch für Filme.

Heideggers Denken nimmt großen Raum im Film ein. Was halten Sie von der politischen Figur?

Als Biografie ist Heidegger natürlich eine Katastrophe. Der Mann war Faschist und Antisemit, daran gibt es nichts zu diskutieren. Trotzdem war sein Denken teilweise bahnbrechend. Etwa in der Frage, wie sich die Wahrheitsfindung dadurch verändert, dass wir glauben, dass wir einen Anspruch darauf haben. Sein Postulat, dass die Wahrheit uns entgegenkommt, dass sie sich “entbirgt”, das ist tatsächlich spannend. Und es hat viel zu tun mit dem Film. Mit der Eskalation am Ende kommt den Figuren eine Wahrheit entgegen – aber eben nicht die, die sie gerne hätten.

Die Figuren erfahren, dass sie Monster sind.

Ja. An jedem Menschen gibt es Dinge, die ihm selber fremd sind, davon bin ich überzeugt. Ich lehne es ab, wenn im Fernsehkrimi Verbrechen aufgeklärt werden, wegerklärt eigentlich und damit auch verharmlost. Ich will gar keine Geschichten erzählen. Denn Geschichten, schön und rund und zuende erzählt, sind etwas, was der Zuschauer am Schluss über die Schulter werfen und vergessen kann. Ich möchte das Kino dagegen als radikalen Erfahrungsraum benutzen. Der Film soll in mich hineingehen. Wie ich es bei Andrei Tarkowskis “Andrej
Rublew” und “Der Spiegel” erlebt habe oder bei Joshua Oppenheimers “The Act of Killing”, bei “Hunger” von Steve McQueen oder “Badlands” von Terrence Malick.

Sie haben an der Filmakademie Baden-Württemberg gelehrt und bleiben Professor an der Internationalen Filmschule Köln. Neuerdings haben sie eine Gastprofessur an der Münchener Kunstakademie. Was haben Sie mit den Studierende vor?

Ich fange ja gerade an. Es wird auf jeden Fall um Dinge gehen, die nicht mehr Kino sind. Weil das Kino heute an einem Scheideweg angekommen ist. Das klassische Erzählkino bot Menschen mit einem langsamen Alltag eine erhöhte emotionale und informative Dichte. Heute sitze ich im Kino und frage mich, ob jemand mir auf Facebook geantwortet hat. Wie kommt man als Filmemacher dagegen an? Ich vermute, dass die Zukunft des Kinos in so etwas wie tiefer Erfahrung liegt. Oder tiefer Entspannung. Vielleicht werden Filme in Zukunft ja ganz langsam sein. Man weiß es nicht.

Hollywood ist nicht Ihr Ding?

Das hat mich nie interessiert. Ich komme auch gar nicht vom Kino. Bildende Kunst hat mich stark geprägt. Meine Mutter hat mich schon als Kind in Kunstausstellungen geschleppt. Gegenüber der Düsseldorfer Andreaskirche, in der ich mit 12, 13 im Chor gesungen habe, war das Büro der “Free International University”. Da saß Joseph Beuys und hat auf Tafeln mit Schulkreide seine Theorien ausgebreitet. Dem konntest du beim Denken zugucken. Die ersten Filme, die mich wirklich interessiert haben, waren Experimentalwerke von Andy Warhol oder David Hockney. Kunst ist ja notwendig dadurch, dass wir Menschen so unfassbar logische Wesen sind. Wir schauen uns die Welt immer kausal an, brauchen aber gleichzeitig einen alternativen Weg, um uns die Welt zu erschließen, sonst verhungern wir in der Kausalität. Der zweite Weg ist die Kunst.

Der Film „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ ist bis Ende März in der Arte-Mediathek. Den Film finden Sie hier!