Gallery Tour
Mitte Nord
Anne Duk Hee Jordan
The End Is Where We Start From, 2024
Acrylic and pigment pencils on paper
56 x 76 cm
Courtesy of the artist and alexander levy, Berlin
Christiane Löhr
Kleines Haarnetz (Little Hair Net), 2019
Horse hair, needles
ca./approx. 35 x 20 x 15 cm
Courtesy of the artist and Galerie Levy, Berlin
Die Tour startet an ihrem westlichsten Punkt: in Moabit, wo sich alexander levy und die Levy Galerie eine Adresse teilen. Anne Duk Hee Jordan, bei alexander levy zu sehen, erschafft in der eigenen Kunst mit Vorliebe multidimensionale, immersive Welten, in denen einem mitunter kinetische Skulpturen oder roboterartige Wesen begegnen. Studiert bei Olafur Eliasson am Institut für Raumexperimente findet Jordan ihre Themen in Tier- und Pflanzenwelt, Landschaftsökologie, Technologie und Philosophie. Jordan beschäftigt sich mit Vergänglichkeit, Resilienz sowie den Beziehungen von Menschen und Nicht-Menschen in Ökosystemen – und das stets mit Humor, trotz aller Ernsthaftigkeit. In den gezeigten Werken stehen das Wetter und dessen durch die Klimakrise weiter verschärfte Extreme im Mittelpunkt – und die Fähigkeiten von Lebewesen unterschiedlicher Art, sich daran anzupassen.
Christiane Löhr, zu sehen in der Levy Galerie, teilt mit Anne Duk Hee Jordan das Interesse an den wundersamen Formen, die Tiere und Pflanzen hervorbringen. Die Bildhauerin benutzt unter anderem Tierhaare – meist stammen sie von Pferden –, und Pflanzenteile wie Stängel, Blüten, Kletten oder Samen, um ihre filigranen Skulpturen und Installationen zu konstruieren. Neben den dreidimensionalen Arbeiten sind auch Zeichnungen in der Ausstellung zu sehen.
Sophy Rickett,
Vauxhall Bridge 2, 1995,
(from the ‘Pissing Women’ series)
Courtesy the artist @galerieneu
Ein paar Kilometer östlich geht es weiter mit einer Gruppenausstellung in der Galerie Neu. Counter City beschäftigt sich mit der Tatsache, dass Städte keine neutralen Landschaften sind, sondern sich in der Gestaltung und Nutzung des öffentlichen Raumes die Machtverhältnisse widerspiegeln, die in patriarchalischen Gesellschaften vorherrschen. Kuratiert von Juliette Desorgues, versammelt die Schau historische Arbeiten von G.B. Jones, Sophy Rickett und Anita Steckel sowie neu entstandene von Hannah Quinlan & Rosie Hastings und Reba Maybury. So etwa die Fotografien der Serie „Pissing Women“ von Sophy Rickett aus den 1990ern, in der Frauen in eleganten Businesskostümen sich in Londons Financial District so erleichtern, wie man es sonst nur von Männern kennt.
Shilpa Gupta,
100 Hand-Drawn Maps of Germany, 2007-2025
Table, fan, book
124 x 122 x 60 cm.
© Shilpa Gupta. Courtesy the artist and neugerriemschneider, Berlin
Photo: Jens Ziehe, Berlin
Eine Straßenecke weiter bei neugerriemschneider hatte Renata Lucas im Jahr 2015 zum Gallery Weekend – daran werden sich bestimmt einige erinnern – einen Springbrunnen im Galerieninnenhof installiert. Für „Fontes e sequestros“ hatte die Künstlerin Segmente der Bassins von drei historischen Brunnen Berlins abformen lassen und diese dann ineinandergeschoben. 2026 nimmt sie mit einer neuen Skulptur direkten Bezug auf die Installation vor 11 Jahren. Die neue Arbeit ist Teil der Gruppenausstellung perceptual territories – cut, split, layered, in der auch Werke von Shilpa Gupta und Haegue Yang die Wahrnehmung schärfen. Shilpa Gupta präsentiert unter anderem „100 Hand-Drawn Maps of Germany“, aufgezeichnet von 100 Bewohner*innen Deutschlands, die ein Tischventilator auf- und umblättert. Haegue Yang zeigt drei ihrer „Sonic Half Moons“: aus metallenen Glöckchen zusammengesetzte, drehbare Skulpturen, kugelrund wie kleine Planeten, mit herabhängenden Glöckchenketten, die bei Bewegung klirrend erklingen.
Ebenfalls bei neugerriemschneider zeigt Jorge Pardo seine zwölfte Einzelausstellung mit der Galerie. Die Malerei des kubanisch-US-amerikanischen Künstlers ist das Ergebnis einer komplexen Auseinandersetzung mit Schlüsselwerken der Postminimalisten John Chamberlain, Felix Gonzalez-Torres, Donald Judd, Brice Marden und Joel Shapiro.Pardo spielt mit ihren Charakteristika, manipuliert und verfremdet sie. Mit Malerei und Drucktechniken überarbeitet er sie bis zur Unkenntlichkeit und collagiert sie neu. Was Pardo interessiert, ist der Akt des Sehens an sich, die Rezeption von Kunstwerken. Hängende Lichtskulpturen verfremden die räumliche Wahrnehmung noch zusätzlich. Akustisch ergänzt werden die Arbeiten mit skulpturalen Lautsprechern, aus denen multidimensionale Arrangements verschiedener Musikstücke erklingen.
Allerlei krabbeligen Kreaturen begegnet man indes in den Räumen der Galerie in der Christinenstraße. In Hugh Loftings Kinderbuch „Dr. Dolittle“, von dem Pae White ihren Ausstellungstitel geborgt hat, ist das „pushmi-pullyu“ ein Fabeltier, aus dessen beiden Enden ein Kopf herauswächst. Die Tiere, die White künstlerischen Kosmos bevölkern, sind zwar der Realität entlehnt, erscheinen in der überlebensgroßen Darstellung aber fast auch schon beinahe fantastisch: Wie durch die Lupe betrachtete Schmetterlinge hat sie gemeinsam mit dem indigenen Volk der Wixáritari in Westmexiko in traditioneller Garnmalerei-Technik angefertigt. Krabben und Schnecken tummeln sich wiederum nicht nur auf Jacquard-Tapisserien, sondern auch auf Keramikreliefs.
Brett Charles Seiler
MY BOYFRIEND AND HIS BEST FRIEND (WILLEM AND CHARITY), 2025
Bitumen and wall paint on canvas
200 × 180 cm
Courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin
Photo: Georg Brückmann
Bei Eigen & Art in der Auguststraße lässt Brett Charles Seiler seine „occasional lovers“ zärtlich aufeinandertreffen. Seiler lebt seit seinem Kunststudium im südafrikanischen Kapstadt, geboren ist er aber in Simbabwe, einem Land, in dem homosexuelle Handlungen noch immer strafbar sind. In seiner Malerei konzentriert er sich auf männliche Körper, ihre Sehnsüchte und Unsicherheiten. Er zeigt sie allein, halbnackt, sich selbst präsentierend, oder in intimen Begegnungen. Ebenso poetisch-nostalgisch wie skizzenhaft und spontan wirkt die Malerei des Künstlers, in die er mitunter kleine Fundstücke, wie zum Beispiel vom Flohmarkt, spielerisch einfügt. Auch Textelemente gehören oft dazu, die an Kritzeleien an den Wänden öffentlicher Toiletten erinnern könnten.
Auch im galerieeigenen Projektraum Eigen + Art Lab für junge Kunst ist Malerei zu sehen. Sie stammt vom UdK-Absolventen Nils Ben Brahim, der mit hyperrealistischem Blick sich selbst und seine Umgebung aufs Korn nimmt.
Thomas Demand
Money, 2025
UV-Print on copper
85 × 64 cm
© Thomas Demand, VG Bild-Kunst, Bonn
Courtesy Sprüth Magers
Thomas Demand, der bei Sprüth Magers ausstellt, muss kaum noch vorgestellt werden. Bekannt gemacht hat den 1964 in München geborenen und in Berlin lebenden Künstler sein fotografisches Spiel mit Bild und Abbild. Dafür baut er Motive von Fotografien aus der Presse oder von solchen, die sich auf anderem Weg ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben, minutiös aus Papier und Pappe nach, um diese Modelle dann abzufotografieren. In der Ausstellung zum Gallery Weekend konzentriert er sich auf eine neue Arbeitstechnik, bei der er kleinformatige Bilder auf Kupfer druckt. Wieder geht es ihm um die Manipulierbarkeit der visuellen Wahrnehmung. So zeigt er mal Formen, wie sie in der Natur vorkommen, mal von einer KI generiertes Material.
Bildern dämmriger Industrielandschaften und mystisch anmutenden Tierdarstellungen begegnet man bei Robert Elfgen. Der 1972 im Rheinland geborene und heute in einem abgeschiedenen bretonischen Dorf lebende Künstler kreiert betretbare Gesamtkunstwerke, in denen er Boden- und Wandarbeiten mit objets trouvés zu symbolisch dichten Traumwelten zusammenspinnt. Elfgen malt auf Holz, in dünnen Schichten, für die er seine Motive immer wieder abschleift, so dass die Maserung des Holzes durchscheint und Teil des Bildes wird -wie Nebelschwaden oder unruhige Wasseroberfläche erscheint sie dann. Dazu kombiniert er skulpturale Arbeiten aus sandgestrahlten Glasscheiben, eingefasst in selbstgebaute Holzrahmen, die Verbindungen schaffen und den Raum strukturieren.
Im „Window“ der Galerie installiert Martine Syms indes eine temporäre Boutique namens Dominica Publishing. Die kalifornische Künstlerin spielt dabei nicht nur mit den Codes und der Ästhetik der Konsumkultur. Tatsächlich gibt es bei Dominica Publishing allerlei Produkte zu kaufen: Kunstwerke, Merchandise-Artikel und Publikationen.
Heimo Zobernig, untitled (2025)
Acrylic, canvas
100 x 100 cm
Courtesy: the artist and Galerie Nagel Draxler Berlin/Cologne/Meseberg
Von dort geht es auf direktem Weg zu einem der Galerien-Hotspots der Stadt, zum Rosa-Luxemburg-Platz. Schon lange vor Ort ist die Galerie Nagel Draxler, wo Heimo Zobernig neue Werke präsentiert. Der österreichische Künstler, der mit der Galerie schon seit deren Gründung 1990 in Köln verbunden ist und der sich in seiner konzeptuellen Arbeit auf kein Genre festlegen lässt, reiht dort täuschend echte, aus Aluminium gegossene Ikea-Regale auf. Daneben sind Gemälde zu sehen, auf denen er in abgezirkelten Buchstaben den Titel der Ausstellung festhält: Hamlet total abstrakt. Der tragische dänische Prinz ist für ihn sowohl im Shakespeare’schen Original wie in der Adaption durch Heiner Müllers „Hamletmaschine“ Bezugspunkt, ebenso wie das Jahr 1977, in dem Zobernig nach Wien zog, um an der Akademie der Bildenden Künste sein Studium zu beginnen, und auch Ikea nach Wien kam.
Nicht 1977, sondern das Jahr 1989, das sowohl in Deutschland wie China ein schicksalsträchtiges war, nimmt sich Huang Rui im gegenüberliegenden Kabinett von Nagel Draxler vor. Der Künstler, eine der wichtigsten Stimmen der frühen zeitgenössischen Kunst Chinas, beschäftigt sich schon seit einiger Zeit mit den Ereignissen aus diesem Jahr. 2009 erschien sein Buch „1989 – 365 Art Days in China and Germany“, das aus der Perspektive der Kunst auf jenes Jahr und dessen kollektives Erinnern in beiden Ländern blickt. In der neuen Ausstellung präsentiert er von Tinte durchtränkte und auf diese Weise unlesbar gewordene Bücher.
Shinoh Nam
Untitled (detail), 2026
Ferrero Rocher cast in aluminium
Courtesy of the artist and Mountains, Berlin
Aus handpoliertem Stahl, verbranntem Holz, Glas und Industrieschaum baut Shinoh Nam architektonische Fragmente. Obwohl präzise konstruiert, wirken diese aufgrund ihrer Materialeigenschaften eher wie Überreste längst verfallener oder nie zu Ende gestellter Gebäude. Nams Interesse gilt den politischen Dimensionen von Form und der Frage, wie diese auf Gesellschaften und Individuen einwirken kann. Mit seinen Installationen und Skulpturen hinterfragt er Funktionalität und Potenziale von Architektur sowie Dogmen und Normen, die sich darin eingeschrieben haben. Schon Anfang des Jahres waren Arbeiten von Nam, der 1993 in Seoul geboren ist und später an der UdK Berlin als Meisterschüler von Monica Bonvicini studierte, in einer Gruppenausstellung bei Mountains zu sehen. Zum Gallery Weekend eröffnet in der Galerie, die im Perspectives-Sektor teilnimmt, dessen erste Einzelausstellung.
Jiyoon Chung,
Hyperreal, 1.0, 2026 & Hyperreal, 0.0
Epoxy resin, graffiti extracted with solvent
79 x 101 x 10 cm
Courtesy of the artist and Anton Janizewski, Copyright Brian Kure
Ebenfalls aus Südkorea stammt Jiyoon Chung, die gleich nebenan bei Anton Janizewski (Perspectives) ausstellt. Anfang des Jahres hatte sie im Kopenhagener Politikens Forhal ihre Einzelausstellung Dead End gezeigt, in der sie sich mit den erhöhten Sicherheitsstrukturen nach einer Reihe von Terroranschlägen in europäischen Städten in den 2010er Jahren beschäftigt hat. In ihrer ersten Schau in Berlin, die denselben Titel trägt, knüpft sie in einer ortsspezifischen Installation daran an, konzentriert sich nun aber auf die aktuelle Intensivierung von Sicherheitspolitiken, in der die Suche nach sozialen Lösungen kaum mehr eine Rolle zu spielen scheint. Dafür untersucht Chung mithilfe von visuellen Triggern die „Crisis-Ordinariness“ unserer Zeit, in der Krise nicht mehr länger als temporärer Ausnahmezustand, sondern als Alltag erlebt wird.
Philipp Gufler
Imitationen von Paul, 2026
Screen print on fabric
Courtesy BQ, Berlin. Photo Roman März
Lücken in queerer Erinnerungskultur zu füllen, ist ein zentrales Anliegen Philipp Guflers. In Imitations of Paul, zu sehen bei BQ, widmet sich der in München und Amsterdam lebende Künstler dem Maler Paul Hoecker (1854–1910), einem Mitbegründer der Münchner Secession, der sich Ende des 19. Jahrhunderts nach homophoben Gerüchten um ein Marienbild zurückzog und dessen Leben und Werk lange Zeit übersehen wurde. Mit siebbedruckten Textilarbeiten und Keramiken nähert sich Gufler, der selbst Gründungsmitglied der Forschungsgruppe zu Paul Hoecker am „Forum Queeres München“ ist, der Geschichte und dem Archiv Hoeckers an und benutzt biografische Spuren, um daraus eigene Narrative zu spinnen.
© Monty Richthofen,
HARD 2 4GET, 2026
Photo, Lukas Städler
Courtesy DITTRICH & SCHLECHTRIEM, Berlin
Dass das Gallery Weekend nicht nur in den Galerien stattfindet, sondern den Stadtraum Berlins für ein Wochenende mit Kunst bespielt, scheint Monty Richthofen verinnerlicht zu haben. Der Künstler, bekannt für poetisch-hintersinnige Texte, die er in krakeliger Schrift auf Leinwände, Hausfassaden oder menschliche Haut anbringt, hat sich dieses Mal für seine Ausstellung mit DITTRICH & SCHLECHTRIEM einen beweglichen Untergrund ausgesucht. Für HARD 2 4GET besprüht er eine ganze Flotte von Fahrzeugen mit Sätzen und Textkompositionen, in die seine Recherchen zu inoffiziellen Inschriften auf militärischem Equipment eingeflossen sind. Zur Eröffnung der Ausstellung startet die Performance am Rosa-Luxemburg-Platz, unweit der Galerie. Weitere temporäre Interventionen sind für den Ernst-Reuter-Platz, an der Siegessäule und am Strausberger Platz geplant.
Marieta Chirulescu
Untitled, 2024
Glue pigments and canvas on canvas
50 x 40 cm
Photo: Trevor Good
Courtesy the artist and Plan B Cluj, Berlin
Eben dort, am Strausberger Platz, ist seit 2023 die Galeria Plan B ansässig. Zwei Etagen des sozialistisch-klassizistischen „Haus Berlin“ hat diese damals bezogen, genug Platz also für die neuen Arbeiten von Marieta Chirulescu. In ihren abstrakten, in sanften Farben gehaltenen Arbeiten verbindet die Künstlerin, die 1974 im rumänischen Sibiu geboren ist, Malerei, digitale Manipulation, Collage und Druckgrafik. Schicht für Schicht bedruckt Chirulescu ihre Leinwand, trägt Farbe und unterschiedliche Arten von Textilien darauf auf, um Bilder zu reproduzieren, zu hinterfragen, zu überarbeiten und wieder herauszulöschen.
Rodney McMillian
As Below, 2024-2026
Acrylic and latex on canvas
152.4 x 182.9 cm
Courtesy: the artist and Capitain Petzel, Berlin
Photo: Josh Vasquez
Nicht weit ist es von dort zu Capitain Petzel, wo sich schon von außen durch die Glasscheiben erste Blicke auf die Skulpturen und Gemälde des in Los Angeles lebenden Künstlers Rodney McMillian werfen lassen. McMillian, geboren 1969 in Columbia, South Carolina, arbeitet bevorzugt mit ausrangierten Konsumartikeln wie Decken, Planen, Teppichen oder Möbeln. Daraus formt er Skulpturen, mit denen er nach Bildern für die dunklen Seiten des „American Way of Life“, für die sozialen Ungleichheiten in den USA sucht. Mithilfe seiner Materialien sowie durch die Art und Weise, wie er diese zusammenfügt, erzählt er insbesonders von Schwarzen Lebensrealitäten, von Klasse, Race, Gender und sozioökonomischen Strukturen. Für seine „Black Paintings“ dient ihm schwarzer Stoff oder Vinyl als Malgrund, den er in Falten legt, drapiert und in sich vernäht, sodass die Arbeiten ins Dreidimensionale wachsen. Formal haben diese Ähnlichkeiten mit dem Abstrakten Expressionismus, sind jedoch hochpolitisch. Auch ein neuer Film McMillians wird in der Ausstellung zu sehen sein.