Gallery Portrait
Esther Schipper

 

von Christian Ganzenberg

Die präzisen und regelmäßigen Newsletter wie auch die umfangreiche Homepage mit dem lückenlosen Archiv lassen erahnen, dass die Geschichte von Esther Schipper und ihrer Galerie lebendig und voller Anekdoten sein muss. Doch wie jedes Abenteuer hatte auch diese Geschichte einen Anfang: Nach ersten Erfahrungen bei Monika Sprüth und einem postgradualen Kuratorenstudium an der École duMagasin in Grenoble, eröffnete Schipper ihre Galerie 1989 in Köln mit einer Ausstellung des kanadischen Künstlerkollektivs General Idea. Zu jener Zeit dominiert im Rheinland noch der Neo-Expressionismus; Galerist*innen sind meist männlich und nur selten gilt deren Interesse Künstler*innen, die sich mit neuen Medien beschäftigen, sich politisch engagieren oder gar die Form der Ausstellung in Frage stellen. Genau für solche Protagonisten aber engagiert sich Esther Schipper, deren „rolemodel“ Pioniere wie Seth Siegelaub, Jack Wendler, Gerry Schum oder der Sammler Herman Daled sind.

Exhibition view: General Idea, ¥en Boutique,
Esther Schipper, Cologne, 1989
Courtesy The Estate of General Idea and Esther Schipper, Berlin
Photo: Lothar Schnepf

Exhibition view: Liam Gillick, McNamara, Schipper & Krome, Cologne, 1994
Courtesy the artist and Esther Schipper, Berlin
Photo: Lothar Schnepf

Exzellent ausgestattet, mit einem Toshiba-Laptop und einem nagelneuen Faxgerät, präsentiert Schipper schon in ihren Anfangsjahren internationale Positionen. wie General Idea, Angela Bulloch, Philippe Parreno, Liam Gillick, Dominique Gonzalez-Foerster oder Julia Scher, die – auch nach mehr als 30 Jahren – allesamt noch zum Programm der Galerie zählen. Diese Kontinuität und Kollaborationen werden zu den charakteristischen „Features“ ihrer beruflichen Unternehmungen. Schnell wird aus der „one-woman operation“ mehr: So gründet sie bereits Anfang der Neunzigerjahre (mit Daniel Buchholz) einen weiteren Raum für Multiples und Künstlerbücher in Köln. „Der Aufbau eines Unternehmens kann nicht von einer Person allein bewältigt werden, sondern nur von einem Team, oder von vielen Teams. Die Beratung und der Verkauf von Kunst beruhen oft auf einer besonders vertrauensvollen Beziehung. Daher ist der Aufbau eines leistungsstarken und zugleich persönlichen Unternehmens die größte Herausforderung für einen Galeristen“, sagt Schipper rückblickend.

Von Anfang an war Schipper daran gelegen, „ephemere und zeitbasierte, konzeptuelle Projekte“ auszustellen, um damit „diskursive Räume“ zu schaffen. Die in den Neunzigerjahren aufstrebende Künstlerstadt Berlin ist eine willkommene „once-in-a-lifetimeopportunity“. 1995 eröffnet sie in der hiesigen Auguststraße eine zweite Galerie, um – nur kurze Zeit später – vollständig nach Berlin zu ziehen. Eine Zeit voller Experimente und Freiheiten folgt, in der die Galerie eher einer Plattform als einer kommerziellen Unternehmung gleicht: Mit diskursiven Ausstellungsprojekten und eigens in Auftrag gegebenen Werken, Gesprächsreihen und das ein oder andere Happening, hat sie immer wieder neue Werkgruppen ihrer Künstler, unter anderem von Pierre Huyghe, Thomas Demand oder Ugo Rondinone initiiert.

In den frühen Nullerjahren legt sich der Berlin-Hype und die Galerieszene professionalisiert sich zusehends. Die Galerie macht sich, nach einem Umzug in die Linienstraße, nun auch über Berlin hinaus einen Namen, da sie ihre anspruchsvollen konzeptuellen Ausstellungen auf brillante Weise mit kommerziellem Erfolg zu kombinieren verstand. Zudem gründet Schipper 2004 mit einer Gruppe von Berliner Kolleg*innen eine Initiative, die seitdem in vielen internationalen Städten nachgeahmt wird: das Gallery Weekend Berlin. Die Idee, auswärtige Sammler*innen für ein Wochenende in die Stadt zu holen und mit Ausstellungen der Extraklasse in den Räumen der Galerien zu begeistern, ist bis heute überzeugend.

Zu Beginn der nächsten Dekade zieht die Galerie in eine Beletage am Schöneberger Ufer, und 2015 wagt Schipper einen einmaligen, bislang beispiellosen Schritt: Sie übernimmt die Galerie und das Programm ihres Berliner Kollegen Jörg Johnen. Um das erweiterte Programm präsentieren zu können, eröffnet sie kurze Zeit später neue Räume in den ehemaligen Mercator Höfen. Zusammen mit Annabelle Selldorf und s1 Architekten (Berlin) wird dafür eine ehemalige Druckerei und Lagerhalle in der Potsdamer Straße in einen weitläufigen, eleganten „white cube“ umgebaut, in dem nun meist zwei Ausstellungen parallel möglich sind und der zudem Raum für eine Buchhandlung bietet. “Die vorherigen Räume der Galerie waren sehr präsent. Diese Herausforderung war auch gewollt, weil die meisten Künstler*innen ort-, raum-, und zeitspezifische Ausstellungen machen. Nach fast 30 Jahren hatte ich das Bedürfnis mit Räumen zu arbeiten, die viel weniger präsent sind, sondern wandelbar, und die geradezu verschwinden. Die Ausstellungsräume in der Potsdamer Straße sind so: sie scheinen sich mit jeder Ausstellung zu verändern und sehen immer anders aus.”

Es sind die bedächtigen, wohlüberlegten Töne, ihr kosmopolitisches Wesen und ihr ästhetisches Urteilsvermögen, denen Schipper das kontinuierliche Wachstum ihrer Galerie zu verdanken hat. „Das Glück der Unzugehörigkeit zu einem Ort oder einem Land“, schrieb einmal Heinz-Norbert Jocks, „korreliert in ihrem Fall mit der Freiheit eines vorbehaltlosen Blicks auf konzeptuelle Kunst aus aller Welt.“ Derzeit vertritt Schipper etwa 45 Künstler*innen und Nachlässe, Tendenz steigend.

Die Galerie ist nicht mehr nur in Berlin, sondern an vielen Orten in der Welt präsent. Esther Schipper hat verstanden, dass es heute nicht mehr allein um ein gutes Auge und ein gutes Programm geht, sondern für eine internationale Galerie globale Präsenz unumgänglich ist: Dafür muss man an den wichtigen Kunstmessen teilnehmen, aber gleichermaßen bedeutend sind (Pop-up-)Projekte an neuen Orten und digitale Plattformen, Online-Formate sowie eine aktive Social-Media-Strategie.

Mit der Expansion nach Korea und Taiwan schließt sich ein biografischer Kreis, denn Schipper ist als Kind niederländischer und französischer Eltern in Taiwan geboren. „Es ist, als würde ich an einen vertrauten Ort zurückkehren, an den ich mich nur noch halb erinnern kann. Die Künstler*innen der Galerie in Asien zu unterstützen fühlt sich ein bisschen so an, als würde ich meinen Eltern Freunde vorstellen.“

Exhibition view: Cemile Sahin, It Would Have Taught Me Wisdom, Esther Schipper, Berlin, 2021
Courtesy the artist and Esther Schipper, Berlin
Photo: Andrea Rossetti

Ryan Gander
I… I… I… , 2019
Animatronic mouse, hole in a wall
19,4 x 24 x 28,2 cm (installation)
Duration (animatronics): 7 min approx.

Exhibition view: Ryan Gander, Some Other Life, Esther Schipper, Berlin, 2019
Courtesy the artist and Esther Schipper, Berlin
© VG Bild-Kunst, Bonn, 2021
Photo: Andrea Rossetti