Camilla Steinum
Perception Spot
1 MAI bis 13 JUNI 2026
Opening – 1 MAI 2026, 18-21 Uhr
Perception Spot vereint drei Installationen von Camilla Steinum, die mit ungewöhnlichen Materialien arbeiten und zur aktiven Teilnahme einladen. Durch das Zusammenspiel von Licht, Bewegung und Materialität kreiert Steinum eine Form der Kunsterfahrung, in der die Betrachtenden nicht bloß über das Werk nachdenken, sondern selbst darin verflochten sind.
Exhibition view
Camilla Steinum
Photo by Roman März
In You Can Move (2022) breitet sich ein Schwarm rostroter Vögel aus Holz im Raum aus. Ihre Körper sind vieldeutig: Es ist weder klar, in welche Richtung sie fliegen, noch zu welcher Vogelgattung sie gehören. Metallketten, die an ihren Körpern befestigt sind, wecken Assoziationen mit Hampelmännern – jenem analogen Spielzeug einer vordigitalen Kindheit. Betrachter*innen sind dazu eingeladen, an einer Schnur zu ziehen und so die Figuren mit einem Flügelschlag zu animieren. Mit dieser mechanischen Geste überschreitet man die gewohnte Grenze von Kunst und Betrachtung. Die Betrachtenden werden zu einem Auslöser innerhalb eines größeren Systems, das einem die Kausalität von Ursache und Wirkung vorgaukelt, nur um letztendlich durch die Weigerung der Vögel, mehr von sich preiszugeben, vorgeführt zu werden.
Darunter findet sich die Werkserie You Count (1-12) (2026). Lottoscheine, per Siebdruck auf Spiegel gedruckt, hängen säuberlich aneinandergereiht an den Wänden. Die verstreuten Kreuze lassen eine fremde Zahlenwahl erkennen. Mit Tinte befleckte Pflaster kleben auf der Oberfläche und verdecken partiell die ordentlich angelegten Kästchen, die die Nummern 1 bis 49 aufweisen. Beim näheren Hinsehen erspäht man die unterschiedlichen Sternzeichen neben dem Namen des Glücksspiels – und begegnet unweigerlich dem eigenen Spiegelbild. In diesen Zeiten dienen Astrologie und Numerologie zur Kuration der eigenen Identität, die sich durch Sternzeichen, Horoskope und sogenannte „Angel Numbers“ formen lässt. In diesem Sinne schmeicheln die Lottoscheine unserer Eitelkeit, denn wir werden unweigerlich nach unserem eigenen Zeichen in der Aufreihung der Lottoscheine suchen. Trotz dessen sind diese Systeme weit davon entfernt, bloß narzisstische Werkzeuge zu sein: Schicksalszahlen und Horoskope spenden in Zeiten von Verletzlichkeit und gesteigerter Unsicherheit auch Trost und Orientierung. So fallen in diesen Arbeiten Zufall und Schicksal ineinander, anstatt als zwei einander entgegengesetzte Weltbilder gegenübergestellt zu werden. Durch die Verschränkung beider Konzepte deutet Steinum an, wie jene Systeme als symbolische Werkzeuge dienen, um sich in einer Welt zu orientieren, in der Kontrolle stets außer Reichweite zu liegen scheint.
CAMILLA STEINUM
You Count (1–12), 2026
Silkscreened mirror, hand-painted bandages
15 × 23.5 cm each
Courtesy the artist & Soy Capitán, Berlin
Photo: Roman März
CAMILLA STEINUM
You Can Move, 2022
Wax-stained wood, thread, pearl, metal chain, lacquered ball,
metal threads variable in length
28–91 cm (wingspan) × 16–54 cm (body)
Courtesy the artist & Soy Capitán, Berlin
Photo: Roman März
In Under the Lids (2026) weitet sich die Idee in unsichereres Terrain aus. Rundkörper, aus Toilettenpapier und Holzleim angefertigt, hängen an Seilen, die mit pigmentiertem Bienenwachs eingefärbt sind. Ihre Farben erinnern an das Flimmern hinter geschlossenen Augen. Aufgesprühte Zahlen kennzeichnen sie als vergrößerte Lotteriekugeln; doch während die handelsüblichen Lottokugeln leicht und als Hohlkörper konstruiert sind, enthalten diese Exemplare im Inneren Sensoren und programmierte Lichtelemente, die auf Bewegungen im Galerieraum reagieren. Und während erstere bei Ziehungen in der Regel fast manisch in einem Glasbehälter umherschwirren, hängen diese wie die Zahlenreihe eines umgedrehten Abakus von der Decke. Mit Verweis auf rationale Methoden wie Messen und Zählen gewinnt der Zufall als Konstrukt eine neue Bedeutungsebene, in der die Logik des Privilegs verschleiert wird. Wer im Leben gewinnt und wer nicht, hat nämlich wenig mit einer adrett gekleideten Moderation zu tun, die flatternde Kugeln aus einer Ziehungsmaschine entnimmt. Vielmehr sind wir einem System ergeben, in dem Zufall – hier verstanden als Glück – mit Sorgfalt kalibriert wird, sodass er stattdessen diejenigen mit hohem sozioökonomischem Status begünstigt, anstatt wirklich einer Logik der Unvorhersehbarkeit zu folgen.
Exhibition view
Camilla Steinum
Photo by Roman März
Hier schließt sich der Kreis: Alle drei Arbeiten lenken die Aufmerksamkeit darauf, wie man sich in der eigenen Lebenswelt verortet. Während die Vögel in You Can Move (2022) auf schmerzliche Weise deutlich machen, wie wenig Kontrolle sich auf die Umstände ausüben lässt, enthüllen die Lottoscheine und -kugeln in You Count (1-12) (2026) und Under the Lids (2026) jene Glaubenssysteme und Vorurteile, die im Begriff des Zufalls eingeschrieben sind. Doch anstatt von einem Schwall an Sinnlosigkeit überwältigt oder von der eigenen Ohnmacht gelähmt zu werden, lohnt es sich innezuhalten. Denn darin liegt vielleicht das, worauf Steinums Arbeiten beharren: dass die Wahrnehmung selbst der Ort ist, an dem die Handlungsfähigkeit beginnt.
– Luisa Del Prete