Gallery portrait
ChertLüdde

 

von Christian Ganzenberg

Was passiert, wenn eine Galerie mehr sein möchte als ein Ort für Ausstellungen, kann man gut beobachten, wenn man bei ChertLüdde vorbeischaut. Ein Bücherladen bildet das Entrée, zugleich ein Ort des Austauschs, an dem Bücher, Editionen, Lesungen und Gespräche das Programm ergänzen. Dahinter öffnen sich die Galerieräume, in denen meist mehrere Ausstellungen parallel stattfinden.

Franco Mazzucchelli, Pneuma
Installation view at ChertLüdde, Berlin, 2018
Photo by Trevor Lloyd

Petrit Halilaj
Installation view: Who does the earth belong to while painting the wind?!, ChertLüdde, Berlin, 2026
Courtesy: the artist and ChertLüdde, Berlin

Angefangen hat alles ganz unstrategisch, fast spontan und naiv, als Jennifer Chert 2008 die ersten Gruppenausstellungen in einer ehemaligen Werkstatt organisierte. Sie unterstützte und förderte eine Reihe von Künstler*innen, allen voran Petrit Halilaj, der wiederum sie ermutigte, eine eigene Galerie zu eröffnen. Früh versammelte die gebürtige Italienerin idiosynkratische Positionen wie Alejandro Almanza Pereda, Vanessa Safari, Kasia Fudakowski, David Horvitz, Zora Mann oder Heike Kabisch, die alle bis heute das Programm der Galerie prägen. Seit diesen Anfängen hat Florian Lüdde, damals noch bei Esther Schipper beschäftigt, die Schritte von Chert verfolgt und daher „fühlte es sich ganz natürlich an“, so Lüdde, als er sich 2016 der Galerie als Partner anschloss.

Gemeinsam war beiden nicht nur die ehrliche Neugier und der Enthusiasmus für die Galeriekünstler*innen, sondern auch der Wunsch, eine eigene Stimme im Chor der Galerien dieser Stadt zu entwickeln. 2008 bezog ChertLüdde neue Räume in der Ritterstraße und zusammen fand man ein eigenes – angenehm unaufgeregtes, aufrichtiges und organisch wachsendes – Register, das von einem Esprit des Ermöglichens getragen wird. „Commericial galleries were born from the intention to support the ideas of artists and to create different ways of sustaining artistic production. They have the potential to be important vehicles for the creation and support of culture.” (Jennifer Chert) Zuhören, Vertrauen und die richtigen Fragen stellen sind die außergewöhnlich-gewöhnlichen Prinzipien, die das Gefühl von Community und familiärer Vertrautheit bei ChertLüdde begründen. Es ist daher nicht überraschend, dass viele Künstler*innen nicht nur ästhetische, sondern auch persönliche Beziehungen zueinander haben.

Nach dreizehn Jahren in Kreuzberg zog ChertLüdde 2022 in neue Räume in der Hauptstraße in Berlin-Schöneberg. Der neue Standort bot den räumlichen Rahmen für das über die Jahre gewachsene Programm der Galerie und dessen unterschiedliche Formate.

Obwohl der Schwerpunkt der Galerie auf der Unterstützung und Etablierung jüngerer Künstler*innen liegt, gelingt es ChertLüdde immer wieder, auch mit historischen, oftmals übersehenen Positionen zu überraschen: Neben dem Mail Art Archiv von Ruth Wolf-Rehfeldt und Robert Rehfeldt sowie Franco Mazzucchelli vertritt die Galerie auch den Nachlass von Rosemary Mayer oder Vincent Trasov, einem Mitgründer der Image Bank. „Es gibt so viele künstlerische Positionen, die uns interessieren“, meint Chert. Eine Offenheit, die das Programm stets prägt. Es ist daher anzunehmen, dass sich auch beim nächsten Besuch bei ChertLüdde neue Perspektiven und unerwartete Begegnungen eröffnen.

 

ChertLüdde Team in front of Rosemary Mayer „Hroswitha“, on occasion of the exhibition Rods Bent Into Bows – Fabric Sculptures and Drawings 1972-1973″, Berlin, 2020.
Photo by Andrea Rossetti.
Courtesy of the Artist and the Estate of Rosemary Mayer, New York