Dieter Roth
Eine Buchverzweigung – Die Solothurner Paneele von 1976
30 OCT until 19 DEC 2026
Opening – 30 OCT 2026, 6–9 pm
Dieter Roth, Karnickelköttelkarnickel, 1972, straw, rabbit droppings, 18 x 9,5 x 14 cm. Courtesy of the Ahlers Collection, and LEVY, Berlin
The Branching Paths of Dieter Roth’s Poetry
by Dr. Dirk Dobke
Dieter Roth (1930–1998) ist einer der vielseitigsten und einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Er betätigte sich auf so unterschiedlichen Gebieten wie der Malerei, der Plastik, der Grafik, der Musik, dem Auflagenobjekt, der Installation, dem Film und sogar dem Entwurf von Schmuckobjekten. Bevor sich der junge Dieter Roth jedoch dazu entschied, das Gymnasium in Solothurn abzubrechen, um Grafiker zu werden – ein Schritt, der ihm den Zugang zur bildenden Kunst eröffnete –, spielte das Wort, die Dichtung, die zentrale Rolle in seinem Leben. Als Teenager schrieb er Gedichte, um sie wenig später allesamt auf ein kleines hölzernes Floß zu legen, anzuzünden und brennend auf einem Fluss ins Jenseits zu befördern. Damit verschwand seine Jugenddichtung für immer, nicht aber der Traum, Schriftsteller zu werden.
Roth ist wortgewandt, mitunter geradezu wortgewaltig. Das Schreiben und die Dichtung bleiben zeitlebens von großer Bedeutung für ihn. Kaum ein Künstler vermag sein eigenes Tun so präzise zu benennen wie Dieter Roth. Seine Gedichte entwickeln sich rasch zu experimentellen Kunstformen, seine Bildtitel werden mitunter selbst zu Gedichten. Noch jung und weiterhin in Solothurn ansässig, steigt er zunächst in die bildende Kunst ein. Er malt, druckt und schafft Skulpturen im Umfeld der Zürcher Konkreten, zu denen auch Max Bill gehört. Erste Textarbeiten im Umfeld der Konkreten Poesie veröffentlicht er Ende der 1950er-Jahre in Form von Künstlerbüchern.
1956 verlässt Roth die Schweiz und wird zum Kunstnomaden, der weltweit Ateliers unterhält. 1966 erhält er eine Einladung zu einem Lehrauftrag in Providence, USA. Dort vollzieht er einen bis dahin radikalen Einschnitt in seinem künstlerischen Schaffen: Er wendet sich Lebensmitteln, also vergänglichen Materialien, als künstlerischem Werkstoff zu. Das Kunstwerk ist für ihn nun nicht mehr nur ein Resultat, das betrachtet werden kann, sondern wird selbst zum Prozess.
Dieter Roth, In Oelper scheperts (Braunschweiger Landschaft mit Käsebäumen), 1973, processed cheese, printed using the hand-offset process, dark brown on white cardboard, in a PVC sleeve, 31,3 x 48,5 cm. Courtesy of the Ahlers Collection, and LEVY, Berlin
Dieter Roth, Eine Buchverzweigung (Solothurner Paneele, Part 1 of 71), 1976, pages of Dieter Roth’s 8 ScheisseBook series, mounted on plywood,218 x 105 cm. Courtesy of the Ahlers Collection, and LEVY, Berlin
Die Werkstätten der Hochschule in Providence nutzt Roth jedoch auch, um einen Schwung seiner jüngsten Gedichte erstmals in Buchform zu bringen und zu veröffentlichen. Er gibt dem Gedichtband den etwas irritierenden Titel Scheiße – neue Gedichte von Diter Rot. Was zunächst nach Provokation klingt, versteht er eher als Vorsichtsmaßnahme – ganz nach dem Motto: Was schon so negativ betitelt ist, kann mir später auch keiner mehr schlechtmachen …
Die Gedichte dieses Bandes bilden die Grundlage für ein Dutzend weiterer Gedichtbände. In jedem Band be- und verarbeitet Roth sie aufs Neue: Die Texte werden verändert, erweitert oder gar zerstört. So wird jeder Band zu einer erneuten Bearbeitung des Vorangegangenen. Auf diese Weise macht Roth auch die Dichtung zu einem fortlaufenden schriftstellerischen Prozess, analog zu seiner sich zersetzenden und kontinuierlich verändernden Kunst. Nichts hat Bestand, alles ist im Werden und Vergehen – und dazu gehört für ihn auch die Literatur.
Den ersten Band mit Überarbeitungen nennt er Noch mehr Scheisse. Darauf folgen DIE GESAMTE SCHEISSE, später Die DIE VERDAMMTE SCHEISSE oder Die die Die DIE GESAMTE VERDAMMTE KACKE und weitere Titel dieser Art. Zu den Überarbeitungen kommen gezeichnete Illustrationen hinzu, aus denen wiederum eine eigenständige, umfangreiche Grafikserie aus Radierungen entsteht. Manche Einbände werden selbst zu Kunstwerken. Alle Bände erscheinen signiert und nummeriert, wie es bei künstlerischen Editionen üblich ist.
Ermöglicht wird diese Buchreihe durch Roths langjährigen Verlegerfreund Hansjörg Mayer (Abb. Hansjörg Mayer gemeinsam mit Dieter Roth als eine Art „Buchstütze“ für die ersten zwanzig Bände derGesammelten Werke). Mayer gibt unter anderem auch die Reihe der Gesammelten Werke gemeinsam mit Roth heraus. In dieser Reihe verfolgt Roth das Ziel, sein gesamtes künstlerisches Schaffen in Buchform zu veröffentlichen.
1976 lädt das Kunstmuseum Solothurn den längst vergessenen Sohn der Stadt zu einer Ausstellung ein, die ausschließlich seiner Dichtung gewidmet sein soll. Roth löst die Bindungen seiner Gedichtbände und montiert die einzelnen Seiten zu 71 Schautafeln. Die SCHEISSE-Gedichtreihe wird hier ebenso präsentiert wie der Band MUNDUNCULUM und seine Arbeiten aus der Reihe POETRIE/POETEREI.
Roth entfaltet seine Dichtung im Raum und macht die „Buchverzweigung“ zu einer Museumsinstallation – auf eine Weise, wie es vor ihm vermutlich noch kein andererDichter getan hat. Mit dieser komplexen und umfassenden Übersicht schließt er für sich das Kapitel der reinen Dichtung innerhalb seines Œuvres ab.