Babette Semmer
Gentle Parenting
12 JUN bis 24 JUL 2026
Gentle Parenting ist die erste Einzelausstellung von Babette Semmer bei Klemm’s und versammelt eine Auswahl aktueller Arbeiten. Babette Semmers Werk entwickelt sich entlang der Schnittstellen zwischen Populärkultur, dem fotografisch-medialen Bild in verschiedenster Ausformung und den spezifisch materiellen Qualitäten der Malerei. Fragment, close-up, zoom oder Distanz im und in Bezug zum gewählten Ausgangsmaterial bilden in jeweils präziser Setzung die Grundlage ihrer Kompositionen. Babette Semmer erforscht komplexe soziale Topografien – die Ahnung des Abgründigen, Doppel-bödigem, bisweilen Gewaltvollen ist stets präsent. Motive und Quellen sind bewusst breit angelegt – von Archivmaterial der Comic- und Magazinkultur, über Filmstills und KI-generierte Bilder bis hin zum Fundus persönlicher Fotografien – und finden sich verwandelt in Schauplätze der Spannung, zwischen Dokument und fiktionalen Settings voller Mehrdeutigkeit und offener Assoziation zusammen-gefügt.
Installation view
Babette Semmer,
Gentle Parenting, 2026.
Courtesy of the artist and Klemm’s, Berlin. Photograph: Charlotte Walter
Semmers Interesse an Bildern wurzelt in deren Fähigkeit, sowohl zu vermitteln als auch zu verbergen. In ihrem weitläufigen Universum aus Räumen, Objekten, Figuren und Konstellationen koexistieren anonyme und biografische Bezüge, die formal durch ihren unver-wechselbaren Malstil vereint sind. Durch einen spezifischen, taktilen Prozess, bei dem Sand mit den Pigmenten der Ölfarbe kombiniert wird, untergräbt Semmer die glänzende Unmittelbarkeit ihrer Vorlagen und unterläuft die medialen Konventionen von Fotografie und Malerei gleichermaßen. Es entfaltet sich ein atmosphärisches Terrain, in dem Stimmung, Affekt und ein Interesse an tieferem Verstehen in den Vordergrund treten.
In der Accrochage von Gentle Parenting offenbart sich ein weiteres grundsätzliches Interesse in Semmers Werk: die Frage nach Authentizität und Wahrhaftigkeit. Das Vokabular der gezeigten Bilder suggeriert unmittelbare Vertrautheit – alltägliche, wiedererkennbare Objekte und Szenarien; ein Jugendzimmer mit den bekannten Details und Accessoires, Kühe im Stall bei Nacht oder ein Blick ins Unterholz….aus Alltäglichkeit wird im malerischen Prozess Enigma und Geheimnis: Kann ein abstraktes Geflecht aus Linien, die sich kreuzen, überlagern und verflechten, der Beweis für einen Unfall sein, vielleicht sogar für ein Verbrechen? Kann es eine Notsituation offenbaren, in der der Blitz als Hilferuf eingesetzt wurde? Oder wurde der Blitz vielleicht nur als Taschenlampe verwendet?
Babette Semmer,
‘Dickicht (Katzbach)’, 2026.
Oil and sand on canvas,
130 x 150 cm.
Courtesy of the artist and Klemm’s, Berlin.
Babette Semmer,
‘Stall’, 2025.
Oil and sand on canvas,
220 x 180 cm.
Courtesy of the artist and Klemm’s, Berlin.
Alles, was man direkt erkennt, ist plötzlich nicht mehr zu entschlüsseln. Mit dieser konzeptuellen Wendung drängen sich Fragen auf: Wie steht es folglich um das ‚Erkennen‘ von Bildern? – welches in einer Zeit der Reizüberflutung zu einer spekulativen Übung werden kann. Und: wie gelingt es, das zutiefst menschliche, empathische Interesse an der Betrachtung per se zu bewahren?
Babette Semmer,
‘Whenever / Whatever’, 2025.
Oil and sand on canvas,
140 x 160 cm.
Courtesy of the artist and Klemm’s, Berlin.
Babette Semmer (*1989, London) lebt und arbeitet in Berlin. Sie studierte an der Slade School of Fine Art und der Städelschule. Semmer erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien, u.a. das Arbeitsstipendium für Bildende Kunst des Berliner Senats im Jahr 2024. Im Jahr 2022 nahm sie am Goldrausch Künstlerinnenprojekt teil. Zuletzt hatte sie Einzelausstellungen an der Oldenburger Kunstverein (2026) und am Studio Hannibal, Berlin (2025). Zu den ausgewählten Gruppenausstellungen zählen Spoiler Zone, Berlin (2026); Volker Diehl und Neuer Berliner Kunstverein (2025); Parfümerie, Frankfurt, und Gruppe Motto, Hamburg (2024). Ihre Arbeiten wurden zuvor u.a. im Bonner Kunstverein, im Städelmuseum, im Museum Angewandte Kunst Frankfurt, bei Turf Projects und in der Zona Mista gezeigt.
Fiona Mackay
40’s
12 JUN bis 24 JUL 2026
40’s – das Jahrzehnt im Leben, in dem vielleicht erste Resumés gezogen werden und wo sich mitunter existentielle Fragen erstmals oder mit beginnendem Nachdruck erneut stellen. Ziele, Wünsche, Sehnsüchte – erreicht, ad acta, langsame Ermattung oder alles auf Wiedervorlage…welche Energien lassen sich verwalten, welche neu anzapfen… Als ‚starting point‘ eines zeitlichen Verlaufs und zugleich Projektionsfläche für die inhaltlichen und formalen Frage-stellungen, denen sich Fiona Mackay in ihrem künstlerischen Werk widmet, ist 40’s als titelgebendes Konstrukt klug gewählt. Mackays Malerei ist per se eine fortwährende Aushandlung persönlicher Wahrnehmungen und Gefühlslagen in der Überführung zu abstrakteren, typologischen, allgemeineren Bedingungen der condito humana.
Installation view
Fiona Mackay,
40’s, 2026.
Courtesy of the artist and Klemm’s, Berlin. Photograph: Charlotte Walter
Damit verbindet sie in sehr besonderer Weise ein Interesse an dem Begriff der Sehnsucht – quasi ein Verlangen als Dauerzustand, der vielleicht gar nicht überwunden, sondern eher bewohnt und mit Leben gefüllt werden will. Sie nähert sich diesem Sujet nicht als Metapher oder dekoratives Motiv – sie malt es nicht illustrativ sondern folgt ihm beinahe strukturell. Ihr Blick verortet sich über Werkgruppen hinweg – von den frühen Überformungen südsee-schwangerer Postkarten-Motivik, über ins extreme close-up gezwungene Körperteile- und Funktionen, bis zu den zuletzt fast narrativen Szenerien ihrer Beobachtungen des urban life – stets zwischen fast ironischer Distanz und absoluter Direktheit.
40’s ist eine Ausstellung in 2 Teilen – bewusst in zeitlicher Abfolge konzipiert, lässt Fiona Mackay in zwei distinkten Hängungen zwei Werkkomplexe gegeneinander laufen. Auf Papier gearbeitet, zwischen purer Malerei und verschie-denen Druck und Coloratur-Techniken angelegt – als Erweiterung, Kommentar, Gegenthese oder simply put – die sprichwörtlichen zwei Seiten der Medaille? Sehnen und Verlangen in seiner ganzen Komplexität – nicht als Provokation, nicht als Objekt eines bestimmten Blicks, sondern als souveräne innere Erfahrung. Mackay befragt, was es bedeutet, als Frau zu begehren in einer Welt, die weibliches Verlangen historisch entweder verwaltet, instrumentalisiert oder romantisiert hat. Sie entwickelt ein sich fortschreibendes Bildvokabular, welches diesem Erbe nicht mit Gegenentwürfen entgegentritt – ihre Malerei unterläuft jede Schablone und Projektion, indem sie das Begehren schlicht als das behandelt, was es ist: eine genuine, vollständige und souveräne innere Erfahrung.
Fiona Mackay,
‘Rose #12, 2025.
Procion MX dye on 270 g BFK rives white velin paper.
90.5 x 62.5 cm.
Courtesy of the artist and Klemm’s, Berlin. Photograph: Charlotte Walter
Fiona Mackay,
‘Rose #7, 2025.
Procion MX dye on 270 g BFK rives white velin paper.
90.5 x 62.5 cm.
Courtesy of the artist and Klemm’s, Berlin. Photograph: Charlotte Walter
Die erste Werkgruppe konzentriert sich dabei auf den männlichen Körper und untersucht nicht nur dessen erotische Ausstrahlung, sondern auch seine Rolle als Ort der Eitelkeit, Rivalität und sozialen Darstellung, während der zweite Teil eine Serie präsentiert, die von der bisweilen emotional instabilen Lebensphase der frühen Vierziger geprägt ist – einem Zustand, der nach wie vor stark von Rollen-Klischees und gesellschaftlichen Erwartungen beeinflusst ist. Fiona Mackays Arbeiten stehen dabei in einem bewussten Dialog mit einer langen Tradition von Malerinnen und Malern, die Begehren, Körper und emotionale Innenwelten zum Gegenstand ihrer Kunst gemacht haben.
Diese Überlegungen überführt Mackay in eine formal beinahe aufgelöste und dennoch fast überpräsente Körperlichkeit und charmante, in vermeintlicher loose-ness gesetzte Kompositionen im kleinen Format. Ein stetes Spiel zwischen Verwundbarkeit und Empowerment – nicht als Gegensatzpaar, sondern als zwei Seiten derselben menschlichen Erfahrung und als Zeichen von bewusst gewählter Offenheit eingesetzt: Unschärfe schützt nicht – sie exponiert. Und in dieser Exposition liegt eine Form von Mut, die weit über das Individuelle / individuelle Empfinden hinausweist.
Installation view
Fiona Mackay,
40’s, 2026.
Courtesy of the artist and Klemm’s, Berlin. Photograph: Charlotte Walter
Fiona Mackay (1984, Aberdeen, Scotland) lebt und arbeitet zwischen Antwerpen, Belgien und Marseille, Frankreich.