Pae White
pushmi-pullyu

1 MAI bis 8 AUG 2026
Opening – 1 MAI 2026, 18-21 Uhr
At Christinenstrasse 18 – 19, 10119 Berlin

Pae White,
Untitled, 2026,

cotton and resin on panel,
⌀ 150 cm.

© Pae White.
Courtesy the artist and neugerriemschneider, Berlin.
Photo: Santiago Vega, Guadalajara.

pushmi-pullyu, Pae Whites siebte Einzelausstellung bei neugerriemschneider, präsentiert einen schillernden Kosmos aus Kreaturen wie Krabben, Schnecken, Fliegen, Schmetterlingen und anderen Geschöpfen in farbenreicher Garnmalerei, haptischem Textil oder leuchtender Keramik. Die neuen Arbeiten entspringen Whites langjähriger Auseinandersetzung mit traditionsreichen Materialien und handwerklichen Verfahren, deren Möglichkeiten sie kontinuierlich erweitert. Die Techniken in der Ausstellung umfassen indigene Handarbeit, Jacquard-Weberei und experimentelle Technologien, mit denen die Künstlerin die Tiere wie unter der Lupe betrachtet darstellt. Zur introspektiven Reflexion über das eigene Verhältnis zur Natur anregend, würdigen die Kompositionen das Unbeachtete: Wesen, die trotz ihrer Komplexität in der Regel nur am Rande oder gar nicht wahrgenommen werden, sind als Träger visuellen und konzeptuellen Reichtums in den Fokus gerückt.

Pae White,
Untitled (detail), 2026,

cotton and resin on panel,
⌀ 150 cm.

© Pae White.
Courtesy the artist and neugerriemschneider, Berlin.
Photo: Santiago Vega, Guadalajara.

In einer zunehmend fragilen Welt verlangsamt White in ihrer künstlerischen Praxis den Blick und bündelt die Aufmerksamkeit, um das flüchtig Schöne einzufangen. Rauchschwaden, zerknüllte Folie, Popcorn, glitzerndes Wasser und selbst die verstreichende Zeit werden zur bildlichen Analyse isoliert, kompositorisch und materiell übersetzt und neu kontextualisiert. Ein wesentliches Element dieses Ansatzes sind Dichotomien und Widersprüche, etwa zwischen Handwerk und Technologie oder zwischen den Erwartungen an die jeweiligen Medien und Objekte. Letztere werden regelmäßig einer grundlegenden Revision unterzogen, wenn White die Wahrnehmung hinterfragt, indem sie dem Alltäglichen eine neue Aura verleiht.

pushmi-pullyu ist nach einem fiktiven Tier aus den „Doktor Dolittle“-Büchern von Hugh Lofting betitelt, das an seinen beiden identischen Enden jeweils einen Kopf hat. White interessiert die Uneindeutigkeit in Bezug auf Begrenzung und die soziale und materielle Ordnung bei der Betrachtung eines Wesens und seiner Umgebung. In der Ausstellung fließen diese Aspekte in eine Serie von Arbeiten ein, bei denen die Künstlerin digital erstellte Schmetterlingsdarstellungen in Form einer speziellen Garnmalerei wiedergibt. Bei dieser Technik, eine Ausdrucksform des indigenen Volks der Wixáritari in Westmexiko, werden unzählige Baumwollfäden auf eine mit Harz überzogene Holztafel aufgebracht. Während die Methode traditionell bei mythologischen oder schamanistischen Kompositionen Anwendung findet, knüpft White damit an ihre künstlerische Erforschung der Natur an und überlagert die Schmetterlingsmotive kaleidoskopartig auf der Fläche des Bildträgers, sodass sie an entomologische Präparate erinnern. Die Bilder sind Zeugnis des produktiven Austauschs zwischen der Künstlerin und den Mitgliedern der Wixáritari, mit denen sie für die Werke zusammenarbeitet. Wie bei den anderen Kooperationen, die Whites Praxis seit Beginn an prägen, vermischen sich ihre Ansätze und Kompetenzen zugunsten einer Weiterentwicklung der Textilkunst. Die ausgestellten Garnarbeiten nutzen die Beschaffenheit ihrer Materialien, um ins Detail zu gehen: Einige Fäden bestehen aus mehreren Farben, wodurch eine einzigartige Tiefenwirkung und Vielschichtigkeit entstehen, die sich nur bei genauer Betrachtung offenbaren. Die Kompositionen halten die Zeit an und laden dazu ein, von der Freude an ihren ästhetischen Qualitäten zum Nachdenken über die Filigranität ihrer lebendigen Vorbilder überzugehen.

Pae White,
CRXABS VI, 2026,

particle vapor deposition on glazed ceramic,
⌀ 53.3 x 10.2 cm.

© Pae White.
Courtesy the artist and neugerriemschneider, Berlin

Ein weiterer Teil von pushmi-pullyu sind die Ergebnisse von Whites Auseinandersetzung mit dem skulpturalen Potenzial von Tapisserien. Vor vibrierend monochromen Hintergründen zeigen die Werke, die wie die ausgestellten Garnarbeiten in Zusammenarbeit mit hochqualifizierten Handwerker*innen produziert wurden, monumentale Tierbilder. Deren Details treten nicht nur durch die Vergrößerung der Körper hervor, sondern auch durch ihre Wölbungen, die das Resultat von der Bearbeitung des Stoffs mit Hitze sind. So entsteht ein Relief, welches das zweidimensionale Medium in einen räumlichen Bereich überführt. Dieser Aspekt wird dadurch verstärkt, dass die textilen Kompositionen frei hängend installiert sind, sodass sie von allen Seiten betrachtet werden können. Bei ihrer Umrundung manifestiert sich die normalerweise verborgene Rückseite der Tapisserie, zusammen mit ihren konstruktiven Elementen, und mit ihr die Prozesse des Webens sowie deren historische Entwicklung: Auf einem Jacquard-Webstuhl gefertigt, dessen Ursprung in der Lochkartentechnik den Grundstein für die moderne Datenverarbeitung legte, erzählen die Wandteppiche eine verwobene Geschichte des Erschaffens und Interpretierens von Bildern.

Pae White,
CRXABS VI (detail), 2026,

particle vapor deposition on glazed ceramic,
⌀ 53.3 x 10.2 cm.

© Pae White.
Courtesy the artist and neugerriemschneider, Berlin

Krabben- und Schneckenmotive finden sich auch in einer Reihe neuer Keramikreliefs. In die Grenzen der Komposition eingeschlossen, verflechten sich die fragmentierten Figuren visuell und körperlich miteinander. Bisweilen sind sie um den kreisförmigen – und damit unendlichen – Rand des Bildträgers angeordnet, wodurch ein negativer Raum entsteht, der das Medium selbst in den Mittelpunkt stellt. Der leuchtende Glanz der Werke, der das Verhältnis von Sehen und Verstehen herausfordert, ist das Ergebnis einer Beschichtung mittels physikalischer Gasphasenabscheidung (PVD), einem äußerst aufwendigen, in der Luft- und Raumfahrt verwendeten Verfahren, bei dem das Beschichtungsmaterial in einer Vakuumkammer zunächst in die Gasphase überführt wird und sich anschließend durch Kondensation auf einem Objekt ablagert. Dank dieser mikroskopisch dünnen Schicht erhält die Keramikscheibe eine gleichsam prismatische Struktur, die in Kombination mit erdigen Unterglasuren dafür sorgt, dass sich die Farbigkeit des Werks nicht genau definieren lässt. Die Erscheinung der Arbeit verändert sich endlos je nach Blickwinkel – ein Schillern, das Assoziationen sowohl an den natürlichen Schimmer von Irismuscheln als auch an zukünftige synthetische Welten weckt.

Die Garnmalereien in pushmi-pullyu entstanden in Zusammenarbeit mit Wixárika-Kunsthandwerker*innen aus Jalisco, Mexiko: Guillermo López Carrillo, Carlos Eduardo Castro de la Cruz, Santa Bárbara Nayarit, Érika de la Cruz Montoya, Zulma Daniel Salas, Isaías Sotero Carrillo und Claudia López de la Cruz, unter der Leitung von Manolo Castro Montoya. Die Tapisserien der Ausstellung wurden in Kooperation mit dem TextielLab entwickelt und hergestellt, einer innovativen Textilwerkstatt, die Teil des TextielMuseum in Tilburg, Niederlande, ist.

Pae White,
Untitled, 2026,

cotton, lurex,
312 x 330 cm.

© Pae White.
Courtesy the artist and neugerriemschneider, Berlin.
Photo: Jens Ziehe, Berlin.

Pae White,
Untitled (detail), 2026,

cotton, lurex,
312 x 330 cm.

© Pae White.
Courtesy the artist and neugerriemschneider, Berlin.
Photo: Jens Ziehe, Berlin.

Werke von Pae White (geb. 1963) wurden in Einzelausstellungen internationaler Museen und Institutionen gezeigt, darunter Plataforma de Arte Contemporáneo, Guadalajara (2025); San José Museum of Art, San José (2019); Saarlandmuseum, Moderne Galerie, Saarbrücken (2017); MAK – Österreichisches Museum für angewandte Kunst / Gegenwartskunst, Wien (2013); Langen Foundation, Neuss (2013); South London Gallery, London (2013); The Power Plant Contemporary Art Gallery, Toronto (2011); Art Institute of Chicago, Chicago (2011); Saint Louis Art Museum, St. Louis (2010); Hirshhorn Museum and Sculpture Garden, Washington, D.C. (2007); Manchester Art Gallery, Manchester (2006), und Hammer Museum, Los Angeles (2004). White lebt und arbeitet in Los Angeles.

Jorge Pardo

1 MAI bis 20 JUN 2026
Opening – 1 MAYI2026, 18-21 Uhr
At Linienstrasse 155, 10115 Berlin

Jorge Pardo,
Untitled, 2026,

inkjet print, oil and engraving on canvas, birch plywood, acrylic,
193.5 x 193.5 cm.

© Jorge Pardo.
Courtesy the artist and neugerriemschneider, Berlin. Photo: Jens Ziehe, Berlin

In seiner zwölften Einzelausstellung bei neugerriemschneider setzt Jorge Pardo sein experimentelles Überlagern diverser visueller Elemente zu neuen Gemälden fort und kombiniert diese mit hängenden Lichtskulpturen und ornamentalen Lautsprechern, die gleichermaßen multidimensionale Klänge wiedergeben. In seinen Malereien kuratiert und komprimiert der Künstler die Geschichte der postminimalistischen Kunst, indem er Abbildungen von Schlüsselwerken dieser Strömung digital collagiert. Dabei wird die Fotografie vergleichbar mit Farbe, Tinte, Ton oder Stahl zu einem kompositorischen Material, das Pardo zunächst bearbeitet, bevor er es druckt, übermalt und lasergraviert, bis es fast nicht mehr zu erkennen ist. So übersetzt er Arbeiten von John Chamberlain, Felix Gonzalez Torres, Donald Judd, Brice Marden und Joel Shapiro in texturreiche Verbindungen aus Motiv und Technik.

Pardos Skulpturen, Installationen, Papierarbeiten, Keramiken und architektonische Projekte sind von exzentrischen formalen Strukturen durchdrungen, mit denen der Künstler das Sehen selbst ergründet. Die Frage, wie ein Werk wahrgenommen wird und inwiefern es seine eigenen Rezeptionsbedingungen beeinflussen kann, ist von zentraler Bedeutung für ihn. Diese Praxis hat Berührungspunkte mit dem Erbe des Postminimalismus, dessen Arbeiten ebenso auf der Weiterentwicklung beziehungsweise Überwindung zuvor festgelegter Regeln und Grenzen basieren.

Jorge Pardo,
Untitled, 2026,

inkjet print, oil and engraving on canvas, birch plywood, acrylic,
193.5 x 193.5 cm.

© Jorge Pardo.
Courtesy the artist and neugerriemschneider, Berlin.
Photo: Jens Ziehe, Berlin

Detail of Jorge Pardo,
Untitled, 2026,

inkjet print, oil and engraving on canvas, birch plywood, acrylic,
193.5 x 193.5 cm.

© Jorge Pardo.
Courtesy the artist and neugerriemschneider, Berlin.
Photo: Jens Ziehe, Berlin

 

Pardo beginnt seine kunsthistorisch aufgeladenen Gemälde jeweils mit einer Serie von Abbildungen, die Werke der fünf von ihm ausgewählten Künstler zeigen. Die Arbeiten umreißen eine entscheidende Phase der US-amerikanischen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts und haben Pardos eigenes Schaffen nachhaltig geprägt. Digital arrangiert, verdecken und verflechten sie sich, werden verzerrt, gedreht und skaliert, sodass sie in eine komplexe Beziehung zueinander treten, in der sie sowohl formal als auch inhaltlich miteinander verwoben sind. Diese erste Komposition wird auf Leinwand gedruckt, wo sie als Grundlage für malerische Gesten dient. In feinen Linien aufgetragene Ölfarbe verbindet sich dialogisch mit dem Druck, der zwischen den Pinselstrichen zu erkennen ist, womit Pardo die Genese einer Komposition – das Zusammenspiel von Farbe und Form – hinterfragt. Digitale Reproduktion trifft auf manuelle Interpretation, während die einzelnen Bestandteile der Gemälde zu einem Ganzen verschmelzen. In großen oder kleinen Maßstäben bestimmen die Bilder, wie und aus welcher Entfernung sie betrachtet werden müssen, damit ihre geradezu pointillistischen Striche vor den wortwörtlich hintergründigen Farbfeldern in Schwingung geraten.

Die Gemälde werden durch skulpturale Lautsprecher ergänzt, die eine Reihe von Musikstücken in vielschichtigen Arrangements gleichzeitig erklingen lassen und damit den Ausstellungs- und die Werktitel ersetzen. Auch diese Kompositionen führen ihr Ausgangsmaterial in eine solche Komplexität, dass die individuellen Elemente – die jeweiligen Melodien – fast untrennbar miteinander verbunden sind. Das Ergebnis ist ein neues Werk, dessen tonaler Reichtum die Möglichkeiten und Grenzen der Vervielfältigung und Wiedergabe von Klängen untersucht. Die Fronten der Lautsprechergehäuse sind mit 3D-gedruckten perforierten Mustern verziert, die mit den fließenden Übergängen zwischen Akustik und Räumlichkeit korrespondieren. Derweil vertiefen die hängenden Skulpturen der Ausstellung, deren Licht durch ihre Schichten aus Keramik und PETG transformiert wird, Pardos langjährige Auseinandersetzung mit leuchtenden Körpern. Die Arbeiten verfügen über einen spiegelnden Kern, der den umgebenden Raum durch seine ondulierenden Formen verzerrt reflektiert. In beiden Werkgruppen setzt Pardo den schwer fassbaren Bildwelten seiner Gemälde das deutlich Immaterielle entgegen: Klang und Licht. Er hinterfragt die Natur seiner Medien, spürbar, hörbar und sichtbar zu sein, während sie Räume durchdringen und sich dabei verbinden.

Jorge Pardo,
Untitled, 2026,

inkjet print, oil and engraving on canvas, birch plywood, acrylic,
27.5 x 27.6 cm.

© Jorge Pardo.
Courtesy the artist and neugerriemschneider, Berlin.
Photo: Jens Ziehe, Berlin

Werke von Jorge Pardo (geb. 1963) wurden in Einzelausstellungen internationaler Museen und Institutionen gezeigt, darunter Plataforma de Arte Contemporáneo, Guadalajara (2025); SCAD Museum of Art, Savannah (2023); Museum of Art and Design, Miami Dade College, Miami (2021); Pinacoteca do Estado de São Paulo, São Paulo (2019); Musée des Augustins, Toulouse (2014); Irish Museum of Modern Art, Dublin (2010); Museum of Contemporary Art, North Miami (2007), und Dia Art Foundation, New York (2000).

Der Künstler nahm an den Biennalen von Venedig (2017) und Havanna (2012) teil. Zu seinen großen Rauminstallationen gehören Folly, University of Houston, Houston (2023); Untitled (Café), Neue Nationalgalerie, Berlin (2021); L’Arlatan, Arles (2018); Tecoh, Yucatán (2006 – 2012); Latin American Art Galleries, Los Angeles County Museum of Art, Los Angeles (2008); Untitled (Restaurant), Paul-Löbe- Haus, Deutscher Bundestag, Berlin (2002); Untitled, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, K21, Düsseldorf (2002); 4166 Sea View Lane, Museum of Contemporary Art, Los Angeles (1998), und Pier, Skulptur Projekte Münster, Münster (1997). Pardo lebt und arbeitet in Mérida, Mexiko.

perceptual territories - cut, split, layered
With works by Shilpa Gupta, Renata Lucas & Haegue Yang

1 MAI bis 15 AUG 2026
Opening – 1 MAI 2026, 18-21 Uhr
At Linienstrasse 155, 10115 Berlin

Shilpa Gupta,
100 Hand-Drawn Maps of Germany, 2007-2025,

table, fan, book,
124 x 122 x 60 cm.

© Shilpa Gupta.
Courtesy the artist and neugerriemschneider, Berlin.
Photo: Jens Ziehe, Berlin

perceptual territories – cut, split, layered vereint Werke von Shilpa Gupta, Renata Lucas und Haegue Yang, die hegemoniale Narrative über die Realität dekonstruieren, indem sie deren historische, politische und subjektive Prägungen zutage fördern. Die Arbeiten der konzentrierten Präsentation reichen von der Verschiebung einer zeitlosen geometrischen Form über die Fragmentierung von Alltagsgegenständen bis hin zu einem installativen Ensemble aus frei hängenden, akustisch aktivierbaren Skulpturen. Ihre Betrachtung, Umrundung und Handhabung verortet die Rezipierenden unmittelbar in Raum und Zeit, während die Resonanz dieser Begegnung die gewohnte Welt in neuem Licht erscheinen lässt.

In her multi-disciplinary practice, Shilpa Gupta explores power structures, social stratification and Shilpa Gupta beschäftigt sich in ihren Werken mit Machtstrukturen, sozialer Ungleichheit und geteilter Geschichte, wobei sie den Schwerpunkt auf die Frage legt, wie Nationen, Kulturen und Identitäten definiert werden und wie sie selbstbestimmt existieren können. In 100 Hand-Drawn Maps of Germany (2007 – 2025) nimmt die Künstlerin den Umriss Deutschlands als Ausgangspunkt, der von hundert Bewohner*innen des Landes aus dem Gedächtnis in ein Skizzenbuch gezeichnet wurde. Ein Tischventilator blättert die individuellen Darstellungen auf zufällige Weise um, wodurch die Willkürlichkeit von Grenzen sowie deren subjektive und kollektive Verinnerlichung vor Augen geführt werden. Während Guptas Untitled (2012), ein zerteiltes und gebogen wieder zusammengesetztes Messer, auf die Machtlosigkeit von Repression anspielt, geht die Künstlerin in Untitled (2024) von ihrer eigenen Perspektive aus. Die
20,8 Trinkgläser der Skulptur, die übereinandergestapelt ihrer Körpergröße entsprächen, sind zu einer fragilen Konstruktion zusammengesteckt, mit der Gupta das Zusammenspiel von Präsenz und Leere sowie Stabilität und Verletzlichkeit reflektiert.

Haegue Yang,
Sonic Half Moon Type III – Large Light #22, 2015,

powder-coated steel frame, powder-coated metal grid, steel wire rope, brass and nickel plated bells, metal rings,
187 x 84 x 84 cm.

© Haegue Yang.
Courtesy the artist and neugerriemschneider, Berlin.
Photo: Taro Furukata

Renata Lucas’ Werke kreisen um den Einfluss der gebauten Umwelt auf Individuum und Gesellschaft, den die Künstlerin durch subtile Eingriffe in architektonische Gefüge offenlegt und neu interpretiert. Ihre Arbeit evasive topography (2026) steht mit der 2015 im Innenhof von neugerriemschneider gezeigten Installation fontes e sequestros (fountains and sequestrations) in Beziehung. Damals fügte die Künstlerin drei kreisförmige Segmente, die historischen Berliner Brunnen aus unterschiedlichen Epochen nachempfunden waren, zu einer neuen Einheit mit stilistischen und buchstäblichen Brüchen zusammen. Der Wasserkreislauf des neuen Brunnens war in übertragenem Sinne mit drei Abflüssen im Boden des Innenraums der Galerie verbunden, die in unterschiedlichen, ebenfalls kreisförmig freigelegten Tiefen der Beton- und Asphaltschichten lagen und so geschichtliche Sedimente enthüllten. Die in perceptual territories – cut, split, layered ausgestellte Arbeit übersetzt diese Konstellation in eine autonome Skulptur, die den festen orts- und zeitspezifischen Kontext der ursprünglichen Abflüsse durch die neue Ausstellungssituation erweitert. Das Motiv des segmentierten Kreises kennzeichnet auch Lucas’ Werk quadroquadro (círculo) (2024), bei dem ein Bilderrahmen und sein Inhalt auf rätselhafte Weise gegenseitig versetzt sind. In Bicho-faca (2026) bezieht sich die Künstlerin auf die Bicho-Skulpturen von Lygia Clark aus den 1960er Jahren, die von den Betrachtenden in immer neue Konstellationen gefaltet werden können. Lucas übernimmt diesen Aspekt der wandelbaren Form, übersetzt die Ausführung in Aluminium bei Clark aber in Edelstahl und versieht ihre Arbeit zusätzlich mit Messergriffen. Damit spielt das Werk auf die Bedeutung von Schnitt und Verschiebung in Lucas’ Praxis an und korrespondiert in der Ausstellung mit dem fragmentierten Schneidewerkzeug von Guptas Skulptur.

Haegue Yangs künstlerische Sprache geht über das Visuelle hinaus und reflektiert die Gegenwart durch einen multisensorischen Zugang zur Geschichte. Sie findet ihren Ausdruck in Medien wie Collage, Skulptur und Installation – Werke aus alltäglichen und rituellen Gegenständen, in denen das Verborgene und das Sichtbare durch fließende, geheimnisvolle und wandelbare Verbindungen in Dialog treten. In perceptual territories – cut, split, layered werden Arbeiten aus Yangs Serie Sonic Half Moons (2014 – fortlaufend) gezeigt. Sie bestehen jeweils aus einer scheinbar schwebenden, planetenartigen Kugel, von der Ketten mit schillernden Messing- und vernickelten Glöckchen herabhängen. Diese verleihen den Werken eine figürliche, spirituelle Präsenz, mit der sie die Betrachtenden auf körperliche und akustische Weise konfrontieren: Wenn die Skulpturen manuell gedreht werden, bewegen sich die Glöckchenketten wie Tentakel und erzeugen Klänge, die an schamanistische Praktiken erinnern.

Renata Lucas,
evasive topography (drains), 2016,

cement, gritstone, concrete, cast iron, steel, stainless steel,
7 x 97 x 63 cm.

© Renata Lucas.
Courtesy the artist and neugerriemschneider, Berlin.
Photo: Jens Ziehe, Berlin

Werke von Shilpa Gupta (geb. 1976, lebt und arbeitet in Mumbai), Renata Lucas (geb. 1971, lebt und arbeitet in São Paulo) und Haegue Yang (geb. 1971, lebt und arbeitet in Berlin und Seoul) wurden international auf Biennalen sowie in musealen und institutionellen Einzelausstellungen gezeigt. 2026 sind unter anderem Einzelpräsentationen von Gupta im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart in Berlin, von Lucas im Dortmunder Kunstverein in Dortmund und von Yang im MOCA Grand Avenue in Los Angeles sowie im Dia Beacon in Beacon, New York, zu sehen.