Counter City
With works by Cosima von Bonin, Jana Euler, Pippa Garner, Hannah Quinlan & Rosie Hastings, G.B. Jones, Klara Lidén, Reba Maybury, Sophy Rickett, Anita Steckel, Lena Tutunjian, curated by Juliette Desorgues

1 MAI bis 4 JULI 2026
Opening – 1 MAI 2026, 18-21 Uhr

‘Architektur muss als ein System der Repräsentation gedacht werden’1
Beatriz Colomina

Wird Architektur als ein System der Repräsentation verstanden, tritt die Metropole als eine ihrer prägendsten Erscheinungen hervor. Als Ausdruck von Repräsentation, die von den Gesellschaften hervorgebracht wird, die sie errichten, verankert und verfestigt die städtische Umwelt die ihr zugrundeliegenden sozialen Strukturen. In einem westlichen Kontext, in dem diese Strukturen durch patriarchale Macht- und Kontrollmechanismen geprägt sind, wird die Stadt zu einem paradigmatischen Ort, an dem geschlechtsspezifische Machtverhältnisse materiell eingeschrieben und räumlich reproduziert werden.

Die Gruppenausstellung Counter City verortet sich in diesem kritischen Rahmen In einer Zeit, die durch erstarkende rechtsextreme Politik und durch eskalierende Gewalt im öffentlichen Raum geprägt ist, wodurch bereits marginalisierte Gemeinschaften weiter verdrängt werden, werden die Herausforderungen dieser räumlichen Ordnung immer sichtbarer. Die Ausstellung bringt Künstlerinnen verschiedener Generationen zusammen und präsentiert Praktiken, die diese Zustände offenlegen, aufbrechen und neu konfigurieren. Getragen von intersektionalem feministischen Denken – mit Blick auf Geschlechtsnonkonformität, Sexualität, Ethnie, und Klasse – schlägt sie einen provisorischen Entwurf vor.2

Ein gemeinsamer Impuls durchzieht diese künstlerischen Positionen – Raum zurückzugewinnen, die Stadt, wie sie gegeben ist, zu ‘countern’ und sie sich anders zu denken. Durch Taktiken der Aneignung und Störung erschaffen die gezeigten Werke eine ‘Counter City’: eine Unterwanderung in Raum und Zeit, welche die Logiken der Kapitalakkumulation, der hierarchischen Strukturierung und der patriarchalen Normativität, die die westliche Metropole definieren, in Frage stellen. In Anlehnung an die dérive der Situationistischen Internationale – eine Form der spielerischen Bewegung durch den urbanen Raum, die die lineare Logik der kapitalistischen Stadt durchbrechen soll – erobern die hier versammelten Arbeiten die Straßen mit scharfem, satirischem Biss zurück und agieren dabei sowohl innerhalb als auch gegen die bestehenden Strukturen.

Im Zentrum der Ausstellung steht Deeskalationstraining (Shark Lock) (2007) der in Köln lebenden deutschen Künstlerin Cosima von Bonin. Durch Skulptur, Textil, Klang, Video und Performance hinterfragt und untergräbt von Bonin soziale Konventionen. Hier rahmt eine metallene Konstruktion – halb Tor, halb Gehege – ein Haifischbecken. Das Tor steht offen. Der Hai, ein abwesendes und doch spürbares Symbol raubtierhafter Kraft, geistert durch den Raum und thront über den umgebenden Arbeiten. Die Konstruktion bleibt auffällig unvollendet und schafft eine Trennung – ungelöst, in permanenter Schwebe. Die Arbeit May & June 1 + Smoke (CvB & Michel Würthle) (2008–2010) wechselt den Ton: Eine einsame Straßenlaterne, schief und anthropomorphisiert, raucht nonchalant eine Zigarette. Ihr Neonrauch driftet in den umgebenden Raum und bringt einen Hauch lässigen Trotzes und leiser Absurdität ein, was die städtische Umgebung auf subtile Weise zurückerobert.

Eine Fotoserie der britischen, in London lebenden Künstlerin Sophy Rickett, deren Praxis Fotografie, Videoinstallation und Text umfasst, bewohnt die Struktur des städtischen Raums unmittelbar. Unter dem Titel Pissing Women (1995) zeigt die Serie die Künstlerin selbst und Freundinnen beim Urinieren im Stehen an öffentlichen Orten in London, die mit Machtsymbolik aufgeladen sind – von der Vauxhall Bridge und dem MI5-Gebäude bis zur Old Street, dem symbolischen Kern der kapitalistischen Stadt. Die Geste ist direkt und präzise – eine Wiederaneignung des öffentlichen Raums, ein Protest gegen institutionelle Macht und eine Umkehrung der geschlechtsspezifischen Codes, die solche Handlungen als ausschließlich ‘männlich’ abstempeln.

In ihrer Fotoserie Future Man! (1987) seziert die amerikanische Künstlerin und Designerin Pippa Garner das Corporate Milieu. In Skulptur, Zeichnung und Performance ist Garners. Praxis von subversiven, oft humorvollen Kritiken an Geschlechternormen, Konsumkultur und Massenproduktion geprägt. Hier verkörpert und verzerrt sie die Figur des Unternehmenssubjekts, wobei maßgeschneiderte, modifizierte Anzüge in inszenierten Begegnungen getragen werden. In den frühen Phasen ihrer Transition entstanden, unterwandert die Serie die traditionellen binären Codes der männlichen Unternehmerkultur, die hier nicht einfach repräsentiert, sondern von innen heraus verformt werden.

Diese Logik der Aneignung und Umkehrung prägt auch das Werk der britisch-pakistanischen Künstlerin, Autorin und politischen Dominatrix Reba Maybury. In Malerei, Skulptur und Performance stellt ihre Praxis Sexarbeit und deren Machtgefüge in den Mittelpunkt. In der Gemäldeserie From Paris with Love (2022) wendet sich Reba Maybury dem Paris des 19. Jahrhunderts zu und greift Henri de Toulouse-Lautrecs Medical Examination (1894) auf, in dem halb nackte Sexarbeiterinnen – konstitutive Figuren der aufstrebenden kapitalistischen Stadt – zur Inspektion aufgereiht sind. Mit Malen-nach-Zahlen-Sets delegiert Maybury den Akt der Reproduktion an ihre Untergebenen. Durch diese kalkulierte Infantilisierung werden Autorschaft und Macht umgekehrt und Lautrecs voyeuristische, gewaltsame Inszenierung weiblicher Unterdrückung durch die Perspektive zeitgenössischer Sexarbeit neu gerahmt.

In einer Aquarellzeichnung mit dem Titel Greetings from Frankfurt (2018) verfremdet die deutsche, in Frankfurt und Brüssel lebende Künstlerin Jana Euler die Konturen der Stadt. In ihrer malerischen und skulpturalen Praxis erkundet sie Repräsentation und Identität in einem digitalen, bildgesättigten Zeitalter. Hier beherrscht das hoch aufragende Gebäude der Europäischen Zentralbank in Frankfurt – ein phallisches Emblem des patriarchalen Kapitalismus – den Bildraum, während eine Figurenschar in schillerndem, ungezügeltem Spiel herumwirbelt und damit die Autorität unterläuft, die das Bauwerk zu verkörpern sucht.

Eine ähnliche Auseinandersetzung mit der Architektur der Stadt als Ort der Macht durchzieht das Werk der amerikanischen Künstlerin, Satirikerin und politischen Aktivistin Anita Steckel. In Malerei, Fotomontage, Collage und Skulptur mobilisiert Steckels Werk erotische Bildwelten, um Machtverhältnisse zu hinterfragen, die auf Geschlecht, Sexualität und ethnischer Zugehörigkeit beruhen. Als Mitglied der “Fight Censorship Group” – gemeinsam mit Künstlerinnen wie Judith Bernstein, Juanita McNeely und Joan Semmel – setzte sie sich für die Befreiung sexueller Repräsentation ein. Die hier gezeigten Arbeiten aus den 1960er und ’70er Jahren inszenieren insbesondere New York – wo sie lebte und arbeitete – als aufgeladenes Terrain, in dem Macht und Gewalt sowohl verankert sind als auch einander entgegenstehen, hier zum Teil durch die Bekräftigung ihrer Identität als jüdische Frau.

Dieses spannungsgeladene städtische Umfeld wird auch im Werk der in London lebenden Künstlerin Lena Tutunjian weiter thematisiert. In Installation und Video erkundet ihre Praxis die Bedingungen des zeitgenössischen Kapitalismus. In der Videoarbeit she_stays_underground (2017) wird die Stadt London zu einem libidinösen Raum und Zirkulationsnetz, in dem gegenderte Körper kontinuierlich zugleich kodiert und konsumiert werden. Mit Aufnahmen aus dem U-Bahn-System der Stadt legt Tutunjian offen, wie die visuelle Ökonomie der Großstadt Begehren strukturiert und dabei geschlechtsspezifische und rassistische Vorurteile in ihre Oberflächen und Flows einschreibt.

Filmische Interventionen im städtischen Raum setzen sich weiter im Werk der schwedischen, in Berlin lebenden Künstlerin Klara Lidén fort, deren Praxis Skulptur und Video umspannt, mit denen sie das architektonische Gewebe der Stadt als Struktur der Kontrolle und des Ausschlusses hinterfragt. In der hier präsentierten Videoarbeit mit dem Titel Verdebelvedere Exit (2024) zwängt Lidén ihren Körper durch die Wände verschiedener Baustellen in New York. Die Geste ist subtil und doch kraftvoll: Der queere Körper unterbricht und durchstößt die starren Oberflächen der städtischen Umwelt und hebelt ihre Logiken von innen aus.

Ein ähnlich aufständischer Einsatz der Kamera treibt das filmische Werk der kanadischen Künstlerin und Filmemacherin G. B. Jones an. Als eine der Schlüsselfiguren der Queercore- Bewegung der 1980er und ’90er Jahre arbeitet Jones in Zeichnung, Zines, Fotografie und Film, um queere Subjektivitäten in den Mittelpunkt zu rücken und sich damit der vorherrschenden normativen Kultur zu widersetzen. Ihre Filme erweitern dieses Ethos durch rohe, aufreibende Narrative von Begierde und Rebellion, in denen Protagonist*innen die Stadt – meist Toronto, wo sie lebt und arbeitet – in Besitz zu nehmen und ihre Räume als Akt der Verweigerung zu besetzen und zu stören.

Die Stadt taucht erneut als mit Spannung geladener Ort auf, der zu einer inszenierten Kulisse im Werk der britischen, in London lebenden Künstlerinnen Hannah Quinlan & Rosie Hastings umgestaltet wird. In Malerei, Zeichnung, Video, Performance und Installation setzt sich das Duo mit queeren Identitäten und der politischen Natur des öffentlichen Raums auseinander. Unter Verwendung des traditionell monumentalen Mediums der Freskomalerei inszeniert The Conquest (2023) eine Szene öffentlicher Gewalt und kollektiver Mobilisierung. Hier wird der öffentliche Raum nicht nur zum Ort des Konflikts, sondern auch des Widerstands.

In einem breiten Spektrum von Medien und Strategien nähern sich diese Künstlerinnen der Stadt als einen umkämpften Ort, an dem Macht und Kontrolle – die Schlüsselinstrumente des Patriarchats – ausgeübt, verhandelt und bekämpft werden. Im Kern liegt hier ein Kampf um genderpolitische Machtdynamiken, die durch die Strukturen und Oberflächen der städtischen Umgebung eingeschrieben, performt und durchgesetzt.

In der Offenlegung dieser Spaltungen legen die ausgestellten Werke solche Dynamiken nicht nur offen, sondern drängen aktiv gegen sie an und öffnen Räume der Unterbrechung, Verweigerung und der Neugestaltung. Dabei beginnen sich alternative Möglichkeiten der Raumaneignung abzuzeichnen: leibhaftig, präzise, aufständisch. Gemeinsam bieten sie Werkzeuge, um das sich wandelnde, umkämpfte Terrain der westlichen Großstadt zu verstehen, zu navigieren und neu zu imaginieren.

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1 Beatriz Colomina, Sexuality & Space, (New York: Princeton Papers on Architecture, 1992), p. ii

2 Eine Vielzahl von Autor*innen hat meine Forschung und mein Denken geprägt, darunter Sara Ahmed,
Jack Halberstam, Leslie Kern, Katherine McKittrick, Gill Valentine, um nur einige zu nennen.

 

Sophy Rickett,
Vauxhall Bridge 2, 1995,
(from the ‘Pissing Women’ series)

Courtesy the artist