Travis MacDonald
Had a Farm

1 MAI BIS 6 JUNI 2026
Opening – 1 MAI 2026, 18-21 Uhr

Contemporary Fine Arts präsentiert Had a Farm, eine Einzelausstellung von Travis MacDonald, die anlässlich des Gallery Weekend Berlin 2026 eröffnet wird. Die Ausstellung in der Belétage der Galerie versammelt neue Arbeiten, die seine kontinuierliche Auseinandersetzung mit der Ästhetik der Gegenkultur weiterführen. Für den Künstler bedeutet dieser Prozess, seine Recherchen durch gelebte Erfahrung zu verdichten. Was als Studie beginnt, entfaltet sich zu einer Erzählung.

Travis MacDonald
„Suspicious Minds“ 2026

Öl auf Leinwand
190 x 110 cm
74 3/4 x 43 1/4 in

In seinen Bildern bewegen sich langhaarige, androgyne Wesen in einer Umgebung, die zwischen ländlichem Leben und subkultureller Inszenierung schwebt. Diese Protagonisten mit Wurzeln in der Hippie-Bewegung, fungieren auch als Alter Egos des Künstlers selbst. MacDonald beschäftigt sich mit dieser Art von Figuren, da ihn interessiert, wie Selbstporträts unterschiedliche Rollen annehmen können. Das Haar weckt Assoziationen von Stil und Widerstand, ist aber an die materiellen Anforderungen der künstlerischen Technik gebunden. Das feuchte Öl fließt unter dem Einfluss der Schwerkraft und verleiht jedem Körper und der ihn umgebenden Atmosphäre eine Kontur. Es entstehen gestreckte Formen, die den romantischen Geist des Jugendstils widerspiegelen, mit seiner Vorliebe für Eleganz und geheimnisvolle Sinnlichkeit.

Der Titel Had a Farm leitet die Ausstellung mit einem Augenzwinkern ein und verleiht dem Namen des Künstlers einen beinahe folkloristischen Klang. MacDonald betont jedoch, dass „die Farm nicht wörtlich zu verstehen ist“. Vielmehr dient sie als Rahmen für Prozesse der Kultivierung – sei es einer Praxis, einer Ideologie oder sogar des Haares selbst. Die Bilder entfalten sich innerhalb einer imaginären Siedlung, die auf Fotoarchiven experimenteller Kommunen der 1970er Jahre basiert, von denen viele auf stillgelegten Bauernhöfen oder in Kleinstädten entstanden. Davon ausgehend entwickelt MacDonald Szenen, die von Nähe und Reibung ebenso geprägt sind wie von dem Wunsch, auf eine neue Weise zusammenzuleben.

Bevor der Pinsel die Leinwand berührt, verfasst MacDonald ein Drehbuch und erstellt ein Storyboard. Die Prämisse ist einfach: Inmitten einer Immobilienkrise ziehen junge, gebildete Menschen in eine ländliche Gegend, wo sie auf konservative Bewohner treffen, deren Familien dort seit Generationen verwurzelt sind. Der „Clash“ ist sowohl kultureller als auch politischer Natur. MacDonald nähert sich dem Thema auf indirekte Weise. Er reduziert es nicht auf eine zugespitzte Formel, sondern wählt intime Episoden und kleine, aber aufschlussreiche Gesten und setzt sie als Kompositionen in Szene, deren natürliche, erdige Farbpalette das Drama auf dem Boden der Tatsachen hält.

Die Bilder greifen auf Pier Paolo Pasolinis Essay Il discorso dei capelli aus dem Jahr 1973 zurück, der auf Englisch unter dem Titel The Hippies’ Speech erschienen ist. MacDonald setzt sich mit Pasolinis Verständnis von Erscheinungsbild als politischem Zeichen auseinander und mit der Verantwortung, der eigenen Umgebung Aufmerksamkeit zu schenken. Dieser Bezug wirkt aktuell. Ohne dass die Werke direkte Aussagen treffen, deutet er eine stille Parallele zwischen früheren Ausdrucksformen der Nonkonformität und dem gegenwärtigen Aufkommen autoritären Denkens an. Achtsamkeit ist in diesem Zusammenhang keine Schwäche. Sie ist eine Ethik der Wachsamkeit.

Was sich in Had a Farm offenbart, ist eine Welt mit eigener Logik. MacDonald hat diese Bildsprache im Laufe der Zeit entwickelt und nutzt sie als Mittel zum Erzählen und zur Beobachtung. Hier wird sie prägnanter und entschlossener. Die Ausstellung führt die Betrachter in einen spannungsgeladenen sozialen Raum, in dem Identifikation offen bleibt und Zugehörigkeit vorläufig ist. Es ist ein Ort der Anziehungskraft und des Unbehagens. Der Sog der Gruppe ist spürbar, ebenso die Anspannung, die jede Abweichung von der Norm begleitet. Diese Bilder bieten keine Fluchtmöglichkeit. Sie fragen, wie Nähe unter Druck bestehen kann und ob sich trotzallem etwas schaffen lässt, das über das eigene Selbst hinausgeht.

Text: Nicolas Vamvouklis

Julien Heintz
Nouveaux Tableaux

1 MAI BIS 6 JUNI 2026
Opening – 1 MAI 2026, 18-21 Uhr

Contemporary Fine Arts präsentiert Nouveaux Tableaux, die erste Einzelausstellung des französischen Künstlers Julien Heintz in der Galerie, die anlässlich des Gallery Weekend Berlin 2026 eröffnet wird. Die Ausstellung im Erdgeschoss präsentiert neue Arbeiten, die sich dem vergangenen Jahrhundert nicht als Spektakel nähern, sondern aus der anhaltenden Spannung heraus, die in seinen Aufzeichnungen fortlebt.

Julien Heintz
sans titre (Einladungsmotiv) 2026

Öl auf Leinwand
125 x 150 cm
49 1/4 x 59 in

Heintz bedient sich Fotografien und Standbildern aus Dokumentarfilmen, die mit prägenden Ereignissen der westlichen Kultur in Verbindung stehen, insbesondere mit Krieg und dessen Folgen. Dabei verzichtet er jedoch auf explizite Darstellungen von Gewalt. Stattdessen wendet er sich spannungsgeladenen Pausen und Gesichtern zu, die zwischen den Ereignissen eingefangen sind, und richtet sein Augenmerk auf die stille Schwere, die auf die Gewalt folgt. Es geht nicht um die Rekonstruktion um ihrer selbst willen, sondern um die Möglichkeit, mit Trauma behutsam und zurückhaltend umzugehen.

Mehrere Arbeiten nehmen Walter Jackson Freeman II als Ausgangspunkt, den amerikanischen Neurologen, der vier Jahrzehnte lang Lobotomien durchführte. Heintz geht von Archivfotos von Frauen aus, die als hysterisch eingestuft und für gesellschaftlich untauglich befunden wurden. In diesen Dokumenten sind ihre Gesichter vor und nach dem Eingriff zu sehen. Viele von ihnen litten nicht an schweren psychischen Erkrankungen. In der Bearbeitung des Künstlers weicht die klinische Beschreibung einer beunruhigenden Form der Zeugenaussage. Es sind Porträts, die von dem geprägt sind, was Institutionen auf einen Körper projizieren, und von dem, was diese Auferlegung überdauert. An anderer Stelle entstammen russische Soldaten in Uschanka-Mützen Gefängnisbildern, die mit der Operation Barbarossa in Verbindung stehen. Auch hier vermeidet Heintz jede Illustration. Er bleibt bei der menschlichen Präsenz innerhalb des historischen Rahmens.

Die visuellen Bezüge stammen häufig aus filmischem Material, und ein Gefühl angehaltener Zeit durchzieht das gesamte Werk. Formen finden keine endgültige Gestalt. Konturen scheinen gleichzeitig aufzutauchen und wieder zu verschwinden, als hielte die Oberfläche eine Erinnerung in Bewegung fest. Für Heintz ist dies von entscheidender Bedeutung. „Ich versuche, diesen Moment einzufangen und dabei die Atmosphäre zu respektieren“, sagt er. Selbst wenn eine Figur ausgeschnitten ist, legt er Wert darauf, den weiteren Kontext zu kennen, aus dem diese Person entnommen wurde. Der Kontext mag nicht vollständig sichtbar sein, aber er bestimmt die Bildkomposition und gibt jeder Leinwand ihre innere Spannung. Das Ergebnis ist keine festgelegte Erzählung, sondern ein Raum der Andeutungen, in dem Intimität und Geopolitik eng miteinander verflochten sind.

Diese Spannung ist auch materieller Natur. Vor dem Malen bereitet Heintz jeden Untergrund mit einem Gesso aus Marmorpulver, Kaninchenhautleim und Wasser vor. Es ist dicht und mineralisch und es erinnert an Fresken und an die Künstler des Quattrocento, mit denen er sich intensiv beschäftigt hat. Darüber legt sich Öl in aufeinanderfolgenden Schichten. Die Entstehung jedes Werks ist langsam und anspruchsvoll. Heintz schätzt handwerkliches Können und will, dass jedes Stück als fein gearbeitetes Objekt existiert. Wiederholung ist Teil dieser Disziplin, aber niemals als Routine. Jeder Versuch ist anders. Jedes Resultat hat einen eigenen Charakter. Er vergleicht den Prozess mit dem Komponieren von Musik, bei dem verschiedene Stimmen in Beziehung gesetzt werden, bis das Ganze zu schwingen beginnt. Die Arbeit ist geduldig, fast meditativ.

Eine gewisse gespenstische Atmosphäre durchzieht Nouveaux Tableaux, allerdings nicht im Sinne des Gotischen oder Unheimlichen. Sie ist der Erinnerung zuzuschreiben. Heintz wendet sich der Vergangenheit zu, um zu ergründen, was nachwirkt und welchen Einfluss vernachlässigte Geschichten auf die heutige Welt haben. Die Ausstellung lädt dazu ein, in jenes instabile Terrain einzutauchen, in dem individuelle Schicksale auf größere Kräfte treffen. Nichts hier lässt sich allein auf Unschuld oder Schuld reduzieren. Jedes Thema birgt seine eigene Bedeutung. Zusammen eröffnen sich dem Betrachter neue Perspektiven, die es ihm ermöglichen, zwischen einzelnen Leben und einer gemeinsamen Situation zu changieren.

Text: Nicolas Vamvouklis