David Claerbout
Repose
11 SEP – 24 OCT 2026
Opening – 10 SEP 2026, 6–10 pm
David Claerbout, Repose, Esther Schipper, Berlin 2026
Still: David Claerbout, The woodcarver and theforest,2025
Single channel 4K HD video
Courtesy the artist and Esther Schipper, Berlin/Paris/Seoul
Still © David Claerbout
David Claerbout © VG BildKunst, Bonn, 2026
Esther Schipper freut sich, die zweite Einzelausstellung von David Claerbout mit der Galerie zu präsentieren. Unter dem Titel Repose werden vier Arbeiten erstmals in Berlin gezeigt: The woodcarver and the forest, 2025, Birdcage, 2023, Backwards Growing Tree, 2023, und Eagle Eye, 2026. Neben den Videoarbeiten sind zudem mehrere Arbeiten auf Papier zu sehen.
Alle gezeigten Filme setzen sich mit unserem Verhältnis zur Natur und der Art und Weise auseinander, wie wir gelernt haben, die Welt zu sehen. In The woodcarver and the forest beobachten wir einen Holzschnitzer, der Holzblöcke zuschneidet, um einen Löffel nach dem anderen herzustellen. Die Handlung wirkt meditativ, bis uns bewusst wird, dass jede Geste ihren Preis hat: Vor seinem Fenster schwindet langsam der Wald entsprechend der
wachsenden Anzahl an Löffeln. Die üppigen Gärten
eines herrschaftlichen Anwesens in Birdcage werden zum Schauplatz eines gewaltsamen Ausbruchs, der die Szene – und die Betrachtenden – aus der scheinbaren Ruhe in einen Zustand der Anspannung und Angst versetzt. In Eagle Eyeliegt ein Weißkopfseeadler wach, aber bewegungsunfähig auf einem Operationstisch, was unsere Assoziation des Adlers als Symbol der Stärke auf den Kopf stellt. Backwards Growing Tree porträtiert einen einsamen Baum in italienischer Landschaft, der über fünf Jahre beobachtet und digital rekonstruiert wurde. Indem er dessen natürliches Wachstum umkehrt, bringt Claerbout unser Zeitgefühl durcheinander. Mit Repose setzt der Künstler seine langjährige Auseinandersetzung mit Zeit und Dauer fort. Drei der
Arbeiten – Eagle Eye,, The woodcarver and the forest und Backwards Growing Tree entfalten sich über mehrere Stunden oder Jahre. Durch diese extremen Zeiträume entsteht eine Echtzeitkomponente, die den Verlauf der Filmzeit mit dem der Betrachtungszeit in Einklang bringt. Damit rückt Claerbout die Filmzeit in die Nähe der biologischen Zeit, die im Takt lebendiger Prozesse verläuft und unserer Aufmerksamkeit entzogen ist. Es ist eine ereignislose und psychologisch ineffiziente Filmzeit. Sie läuft unserer visuellen Kultur zuwider, die uns konditioniert hat, nach Stimulation und Belohnung zu suchen.
Als fester Bestandteil seiner Praxis begleitet eine kleine Anzahl von Zeichnungen jedes von ClaerboutsProjekten. Sie sind eine Mischung aus Vorstudien, Notizen aus dem Produktionsprozess und konzeptuellen Überlegungen. Es handelt sich dabei nicht einfach um Skizzen für die Filme, sondern um eine Methode, den Denkprozess und die Komplexität sowie die Zeitlichkeit der Videoarbeiten mithilfe von Licht- und Farbstudien sowie Sequenzierungs- und Montagetechniken auf Papier zu übertragen.
Anstatt einer romantisierten Vorstellung von Natur nachzugehen, hinterfragt die Ausstellung unsere Wahrnehmung der Welt. Indem der Künstler die übliche Reihenfolge dessen, was unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht und was als Hintergrund gilt, umkehrt, lenkt er unseren Blick auf das, was beim Sehen an der Peripherie bleibt. Anstatt einem einzelnen Ereignis zu folgen, erleben die Betrachtenden mehrere Prozesse gleichzeitig. So stellen Claerbouts Werke den starren, einzelnen Blick der Kamera in Frage und nähern sich einer Sichtweise, die besser auf unser Dasein und unsere Physiologie abgestimmt ist. Die menschliche Wahrnehmung ist niemals einheitlich, sondern entsteht durch den Wettstreit der Sinneseindrücke, die von zwei Augen, zwei Ohren und zwei Gehirnhälften wahrgenommen werden. Dies führt zu unzähligen Eindrücken, die vielfältige Möglichkeiten bieten, der Welt zu begegnen.
Repose bringt die Arbeiten in einem abgedunkelten Raum miteinander ins Gespräch und lädt uns ein, Szenen der Zerstörung und Regeneration, mögliche Gefahren und beständige Schönheit zu betrachten. Claerbouts Arbeiten nutzen neue Technologien, um einen hyperrealistischen Effekt zu erzeugen – ein Thema, das das Œuvre des Künstlers schon lange vor der Allgegenwärtigkeit digitaler und KI-generierter Bilder geprägt hat. Seine Bilder lassen
ein Bewusstsein für ihren Status als Darstellungen erkennen und machen die Betrachtenden auf die ungewissen Grenzen zwischen dem Technischen und dem Organischen sowie dem Künstlichen und dem Natürlichen aufmerksam. Laut Claerbout bewegt sich unsere Wahrnehmung an der Schnitt- stelle dieser Bereiche, im ständigen Spannungsfeld zwischen dem, was wir sehen, und dem, was wir glauben.
Tuan Andrew Nguyen
Fire Sermon
11 SEP – 24 OCT 2026
Opening – 10 SEP 2026, 6–10 pm
Detail:
Tuan Andrew Nguyen
Parrot‘s Beak / Mỏ Két, 2026
Engraved 57 mm brass artillery shell (tuned to E5 at 647.27 Hz), stainless steel cable with attached wooden clapper, pounded brass artillery shells, brass)
265 x 95 x 70 cm
Tuan Andrew Nguyen, Fire Sermon, Esther Schipper, Berlin 2026
Courtesy the artist and Esther Schipper, Berlin/Paris/Seoul
Photo © Chuong Pham
Detail:
Tuan Andrew Nguyen
Parrot‘s Beak / Mỏ Két, 2026
Engraved 57 mm brass artillery shell (tuned to E5 at 647.27 Hz), stainless steel cable with attached wooden clapper, pounded brass artillery shells, brass)
265 x 95 x 70 cm
Tuan Andrew Nguyen, Fire Sermon, Esther Schipper, Berlin 2026
Courtesy the artist and Esther Schipper, Berlin/Paris/Seoul
Photo © Chuong Pham
Esther Schipper freut sich, Fire Sermon anzukündigen, Tuan Andrew Nguyens erste Einzelausstellung mit der Galerie. Zu sehen sind fünf neue Skulpturen aus der Mobile Serie des Künstlers.
Tuan Andrew Nguyens künstlerische Praxis untersucht die kritische Wirkung des Geschichten-
erzählens in verschiedenen Medien, darunter Video, Skulptur und Installation. Basierend auf einer langfristigen Zusammenarbeit mit Gemeinschaften und umfangreicher Recherchen setzt sich sein Werk mit mündlicher Überlieferung, Materialgeschichte, kontinentübergreifenden Genealogien und den anhaltenden Auswirkungen kolonialer Politik auseinander. Nguyens filmische Arbeiten erzählen von biografischen, geografischen und zeitlichen Verflechtungen, in denen sich Fakten und Fiktion vermischen. Die skulpturalen Arbeiten des Künstlers sind eng mit seinem filmischen Œuvre verwoben.
Die fünf in Fire Sermon gezeigten Mobile bestehen aus Artilleriegeschossen, die in Vietnam geborgen wurden. Sie sind direkt von Nguyens Film The Unburied Sounds of a Troubled Horizonaus dem Jahr 2022 inspiriert. In dem Film wird eine junge Metallsammlerin von ihrer Mutter verstoßen, weil diese ihre Tochter für besessen hält – aufgrund ihrer sonderbaren Neigung, aus Bombenmaterial kinetische Skulpturen zu schaffen. Der Film ist fiktiv, enthält aber wahre Geschichten von Menschen, die von Blindgängern betroffen sind. Deutlich wird, dass der biografische und historische Kontext der Figur ganz bestimmte Assoziationen in ihr weckt: „Sind die nicht wie die Bombenangriffe, von denen du mir früher erzählt hast?”, fragt sie ihre Mutter. Diese Geschichte führt die junge Frau auf eine Reise, auf der sie Bomben in Glocken mit heilender Kraft verwandelt.
Nguyens Mobile spielen mit unserer Vertrautheit mit der Formensprache des amerikanischen Künstlers Alexander Calder, um uns in ihren Bann zu ziehen, und lassen uns dann ihre Andersartigkeit erfahren. Auf den ersten Blick wirken sie ähnlich: farbenfrohe, abstrakte Elemente, die durch leichte Bewegungen belebt werden und anmutig im Gleichgewicht schweben. Doch die zentral positionierten Artilleriegeschosshülsen machen ihre Andersartigkeit sofort deutlich. Die Materialgeschichte des Objekts trägt ein Erbe des Traumasin sich, das die Vergangenheit wiederbelebt und ein neues Leben annimmt. Nguyens Verwendung von Calders verspielter Bildsprache verweist zudem auf die Grenzen der Form als eigenständiges Mittel der Verständigung. Als führende Figur der Moderne wurde Calders Werk mit den Werten der USA während des Kalten Krieges in Verbindung gebracht – und mit der politischen Neutralität, die der Nachkriegsmoderne zugeschrieben wurde. Tatsächlich war Calder jedoch ein aktiver Gegner des Vietnamkriegs, produzierte Antikriegsmaterialien und lehnte 1977 aus Protest die Presidential Medal
of Freedom ab.
Für Nguyen hat der Gedanke, Materialien aus dem Vietnamkrieg einer neuen Verwendung zuzuführen, daher eine weitreichendere Bedeutung – sowohl in historischer als auch in spiritueller Hinsicht. Während des Krieges wurden Millionen Tonnen Munition auf Vietnam abgeworfen. Bis heute liegen nicht explodierte Kampfmittel aus der umfangreichen Bombenkampagne der USA im Boden des ganzen Landes. Sie gefährden Gemeinschaften und schränken die sichere Nutzung von Flächen ein. Indem Nguyen an die vietnamesische Tradition anknüpft, Kampfmittel in Alltagsgegenstände umzuwandeln, wird ihre Überführung in Kunstwerke zu einem Akt des Gedenkens und der Heilung. Nguyens künstlerisches Schaffen beruht, wie er es ausdrückt, auf „der Kraft, etwas zu nehmen, das für Zerstörung und Schaden bestimmt war, und es in etwas zu verwandeln, das die Möglichkeit zur Heilung birgt”. Der Künstler setzt diese Idee wörtlich um: Die zentralen Artilleriegeschosshülsen jedes Werks fungieren als Glocken, die auf eine Frequenz gestimmt sind, der heilende Eigenschaften zugeschrieben werden.
Der Titel der Ausstellung, Fire Sermon, bezieht sich auf das buddhistische Ādittapariyāya Sutta, das die Sinneserfahrung als „brennend” beschreibt – brennend vor Begierde, Abneigung, Verblendung und Leiden. Befreiung wird durch Loslösung oder Nicht-Anhaften erlangt.