Mark Barker
Chocolate, a, 2024

Silver gelatin print, artist’s frame
Print: 30.3 × 40.5 cm / Framed: 44 × 33 cm

Courtesy: artist and Shahin Zarinbal

Noch ist die Muskauer Straße nahe der alten Kreuzberger Markthalle keine etablierte Galerien-Gegend und vielleicht ist das der beste Anlass, die Tour durch Kreuzberg eben hier zu starten. Erstmalig mit dabei im Perspectives Sektor des Gallery Weekends ist in diesem Jahr die Galerie Shahin Zarinbal. „Whole Property“ lautet der Titel der Einzelausstellung des multidisziplinären Künstlers Mark Barker. Der 1983 in Großbritannien geborene Wahlberliner verbindet in seiner ersten Ausstellung mit der Galerie Malerei, Zeichnung, Fotografie und Skulptur, zu sehen sind eingezäunte Gehege, Häuser und Toiletten. Was eindeutig klingt, entpuppt sich als eine vielschichtige Auseinandersetzung mit Fragen nach Kontrolle, Abgrenzung und körperlichen Bedürfnissen bei zugleich zurückgenommener und kluger ästhetischer Haltung.

Stella Zhong
Trust the High Altitude, 2025

Epoxy-clay, wire, oil paint, aqua-resin, plaster, wood, foam, thread
152.4 x 75 x 101.5 cm

Courtesy of the artist and Trautwein Herleth, Berlin

Einmal durch den Kiez geschlendert, biegen wir kurz vor dem Landwehrkanal rechter Hand in die Regina-Jonas-Straße ein. Rücken an Rücken mit dem Künstlerhaus Bethanien liegt hier die Galerie Trautwein Herleth und auch dort wird die Wahrnehmung der Betrachtenden bei gleichzeitig vermeintlicher formaler Ebenmäßigkeit herausgefordert. In der ersten Einzelausstellung Stella Zhongs mit der Galerie stellt die Künstlerin in ihren Installationen und Skulpturen Fragen nach Verständnis und Wahrnehmung, bereichert ihre glatten, irritierenden Volumen durch Humor und Taktilität. Die genaue Betrachtung führt hier über die Form nicht nur zum Staunen über diffus Unheimliches, sondern auch zu neu erweckten starken Begehrlichkeiten.

Brook Hsu
Studio view

Courtesy of the artist and Kraupa-Tuskany Zeidler

Einen Hinterhof weiter, bei Kraupa Tuskany-Zeidler verdichtet sich das Begehren. Die Malerin Brook Hsu breitet hier ihre malerische, zeichnerische und fotografische Auseinandersetzung mit dem vor fast hundert Jahren von Ludwig Mies van der Rohe und Lilly Reich entworfenen Barcelona Pavillon vor den Augen der Besuchenden aus. Das Paradox der temporären Architektur, eines der ikonischsten Gebäude der Moderne – für die Weltausstellung 1929 entworfen und kurz danach bis in die 1980er Jahre abgebaut – steht dabei im Mittelpunkt ihrer Praxis. Im für Hsu typischen Grün entfalten sich Baufragmente und darin hineinplatzierte Körper neben Schwarz-Weiß-Fotografien der figurativen Skulpturen des Pavillons.

Göksu Kunak
Spillage, 2026

Installation, mixed media
At Van Abbe Museum as a part of Make Some Noise – Desire. Stage. Change curated by Zippora Elders (MK90714). © Max Kneefeld.

Eine kleine Weile muss man in der Kreuzberger Sonne spazieren, um in die tiefen, dunklen Mauern des Hochbunkers einzutauchen, der seit einem Jahr die Räume der Galerie EBENSPERGER beherbergt. Ausgerechnet in dem historischen Gebäude verwandelt Göksu Kunak Zeit in das bestimmende Medium der Performance-Ausstellung „REMAINS“, die sich im Verlauf ihrer Öffnungszeiten konstant verändern wird. Doch wem ist es überhaupt erlaubt, Spuren zu hinterlassen, zu existieren, übrig zu bleiben und wer ist eh dazu verdammt, zu verschwinden? Dabei verhandelt Kunak auch die Rolle des Mediums Performance an sich und schafft durch eine hohe Verweisdichte eine ungewöhnliche Schau, die man keinesfalls verpassen sollte.

John Zurier
Spring, 2023

Oil on linen
65 x 45 cm

Courtesy of the artist and Galerie Nordenhake Berlin, Stockholm, Mexico City.
Photo by Carl Hernik Tillberg.

Grey Crawford,
CHROMA, 1979-2019

Archival pigment print
61 x 85 cm

© the artist, courtesy: Persons Projects

Unweit von Jüdischem Museum und Gropius Bau in dem Teil Kreuzbergs, der sich schon fast nach Mitte anfühlt, hat sich in den letzten Jahren ein regelrechtes Nest herausragender Galerien gebildet. Nordenhake auf der Lindenstraße zeigt sinnlich-ätherische Bilder wie monochrome Landschaftsabstraktionen des 1956 in den USA geborenen John Zurier. Es ist schon die zehnte gemeinsame Einzelausstellung. Nach einem Innehalten vor den farbigen Tableaus ist das Auge gerade geklärt genug, um die zweite Hälfte des Rundgangs im Erdgeschoss desselben Gebäudes beim nächsten Perspectives-Teilnehmer, Persons Projects, fortzusetzen.

Im starken Kontrast zur zuvor gesehenen Malerei stehen die gezeigten Positionen des auf Fotografie fokussierten Ausstellungsraums. Historische Arbeiten von Karl Benjamins Hard-Edge-Malerei treffen hier auf Grey Crawfords fotografische Auseinandersetzung mit Geometrie, Struktur und Abstraktion in dialogischem Zusammenspiel. Die starke Beeinflussung des 1951 geborenen Konzeptkünstlers Crawford durch das malerische Werk des 26 Jahre älteren Benjamins zeigt sich deutlich in den dort ausgestellten Serien, die ihn zu einem frühen Pionier der Farbmanipulationen in der Dunkelkammer machten.

Camilla Steinum
Listening Holes, 2020
Installation view Kunsthal Thy, Oslo 2025

@soycapitangallery @steinumcamilla

Nebenan bei Soy Capitán fragt Camilla Steinum, wie wir die Welt sehen, verstehen und ihr Bedeutung geben. In You Can Move greifen Illusion, Klang und Berührung ineinander und laden die Besucher*innen dazu ein, den eigenen Körper aktiv in die Erfahrung einzubeziehen, Die hängenden Sphären aus Listening Holes reagieren sensibel auf ihre Umgebung und lassen Grenzen zwischen Nähe und Distanz weich werden. Arbeiten mit Zahlen und Lottoscheinen bringen Zufall als kulturelles Prinzip ins Spiel, als System aus Regeln und Wahrscheinlichkeiten, aufgeladen mit Erwartungen und Hoffnungen.

Installation view:
Gülbin Ünlü,
Shifting the Silence, Lenbachhaus, München 2025

Courtesy the artist and Galerie Barbara Thumm
Photo:Lukas Schramm

Zwei Blöcke weiter Richtung Westen, mitten im Zeitungsviertel, findet sich die Galerie Barbara Thumm in einem ehemaligen Druckereigebäude. Hier wird die interdisziplinäre Ausstellung der Künstlerin und Dichterin Farkhondeh Shahroudi gezeigt. Die 1962 in Iran geborene Hannah-Höch-Preisträgerin, die seit den 1990ern im deutschen Exil lebt und als eine der wichtigsten Stimmen der Diaspora gilt, kombiniert in ihren vielschichtigen Arbeiten Text mit textilen Elementen zu skulpturalen Objekten. Ultrakontemporäres Mash-Up zeigt Thumm in ihrem zweiten Raum mit neuen „Mash-Up“-Werken der in München lebenden Gülbin Ünlü, die erst 2018 an der Münchner Akademie ihr Studium abschloss. Die wirklich beeindruckenden Wandarbeiten kombinieren alle erdenklichen Ambivalenzen zu höchst attraktiven und klugen Werken, zart-knallend, kräftig-fragil und überaus malerisch-gedruckt. Es verwundert nicht, dass Ünlüs ungewohnte Werke schon in einigen der renommiertesten Häuser Europas hängen, unter anderem in der Pinakothek der Moderne, im Haus der Kunst und in der Berlinischen Galerie.

Nida Sinnokrot
Rubber-coated rocks, All-Stars (7), 2022

Stone, rubble, football, brick, string
45 x 21 x 16 cm

Courtesy: artist and carlier | gebauer, Berlin

James Turrell
Small Elliptical Glass “First Cause”, 2024

Glass, computer-controlled LED, aluminium, corian

Copyright: James Turrell
Courtesy: Courtesy Häusler Contemporary, Zürich
Photo: Florian Holzherr

Auch carlier | gebauer haben ihre Galerieräume im selben weitläufigen Gebäudekomplex untergebracht. Dort treffen wir auf „Konstellationen und Kosmologien“ des palästinensischen Bildhauers Nida Sinnokrot, so der Ausstellungstitel. In seiner Werkreihe Rubber-Coated Rocks, die nun in einer neuen Iteration gezeigt wird, kombinierte Sinnokrot bereits 2001 gefundene und gesammelte Materialien rund um militärische Checkpoints in Palästina. In ihnen verbinden sich Fragen nach Zirkulation, Impact und Zurückgelassenheit mit verletzlichen, aber resilienten Körperlichkeiten. In einer weiteren Installation mit dem Titel Water Witness erweitert Sinnokrot diese Befragungen um infrastrukturelle Dimensionen und etabliert so konkrete Fragestellungen in einem erweiterten, kosmologischen Sinn. Hat man genug über die kreatürlichen Skulpturen gestaunt, verlassen wir die Räumlichkeiten weiter gen Westen und landen wenige Schritte später bei Max Goelitz, erstmalig im Perspectives Sektor mit dabei.

Zum ersten Mal überhaupt in Berlin ist hier ein Werk der Glas-Serie des US-amerikanischen Lichtmeisters James Turrell zu sehen, der Licht als Medium an sich, als räumliches und materielles Phänomen verwendet. Sich in „Sensing Fields“ in seinen Arbeiten ein bisschen zu verlieren, ist eine willkommene Abwechslung inmitten der dichten Ausgabe des diesjährigen Wochenendes.

Bernd Koberling
Beyond The Light – Inverted Darkness II, 2013

Oil on canvas
105 x 95 cm

Courtesy the artist and Buchmann Galerie
Photo: Hans-Georg Gaul

Weiter geht es die Charlottenstraße hinauf, Richtung Norden. Bei Buchmann gibt es saftige Malerei von Bernd Koberling zu sehen, Erdstelle, Moosheidegestein oder Eine unendliche Betrachtung heißen die Werke des 1938 geborenen Malers, der sich als Junger Wilder zu einer der prägendsten Stimmen der deutschen Nachkriegskunst entwickelt hatte. Schon in den Titeln der Arbeiten wird Koberlings aktuelle Auseinandersetzung mit der Natur sichtbar. Neben großformatigen Leinwänden von den 1990ern bis heute gibt es eine umfangreiche Serie intensiv farbiger Aquarelle zu bewundern: „Je intimer das Bild, umso gröber die Mittel“ sagt dazu der Künstler und es sei hiermit unbedingt empfohlen herauszufinden, was das denn nun genau bedeutet.

Walid Raad
Arafat, 2025

Courtesy of the artist and Galerie Thomas Schulte, Berlin

With special thanks to Sfeir-Semler Gallery for their kind cooperation.

Weiter gen Norden trifft man auf die schönsten Eckfenster Berlins bei Thomas Schultes Dependance in der Charlottenstraße. Mit der Ausstellung „Like a rubber rung on a ladder“ werden hier zwei große Solo-Installationen von Walid Raad präsentiert, deren fragmentarische und zusammengesetzte wandbasierte Elemente Innen- und Außenraum visuell miteinander verbinden. Wie gewohnt beim US-amerikanisch-libanesischen Künstler steht die Auseinandersetzung mit Geschichte und Erinnerung im Zentrum der Werke. Oft subtil präsent finden sich darin zugrunde liegende Fragestellungen zu Konflikten und Gewalt, individueller und kollektiver Erfahrung bei hoher ästhetischer Sinnlichkeit.

Juan Pablo Echeverri
MUTILady, 2003

9 color photographs
Dimensions variable

Courtesy the Estate of Juan Pablo Echeverri, Bogotá and Klemm’s, Berlin

Biegt man auf die Leipziger Straße gen Osten, findet man sich unverhofft auf einer der spannendsten Kunstmeilen der Stadt. Neben Projekträumen und Institutionen finden sich hier ein wenig versteckt über dem Straßenlevel die Räumlichkeiten von Klemm’s. Mehr als zwei Jahrzehnte Bild- und Filmproduktion des 2022 verstorbenen Juan Pablo Echeverri lassen sich auf beiden Galerieflächen entdecken. Das hier ausgebreitete vielschichtige Universum aus Parodie und Gesellschaftskritik bietet Einblick in ein Vermächtnis voll Präzision, Vielfalt und formaler Konsistenz.

Hanna Stiegeler
Study for Brutes des nuits, 2026

Courtesy: Courtesy of the artist and Sweetwater, Berlin

Nur wenige Meter weiter laden die Räumlichkeiten Sweetwater ein, sich über die Werke der Künstlerin Hanna Stiegeler zu freuen. Ihre körnigen Aufnahmen der Bilder des Bettes, das sie mit ihrem Kind teilt, festgehalten über den Bildschirm des Babyphons, bieten einen erfrischend weiblichen Gegenpol. Die rauschende, grobe Bildästhetik bildet dabei einen formal höchst reizvollen Rahmen für die großen Gouache-Prints auf Leinwand.

Daniel Buren,
Voile/Toile – Toile/Voile, 2018

Work in situ, Walker Art Center, Minneapolis 2018 (detail).

Courtesy Konrad Fischer Galerie © DB-ADAGP Paris

Weiter geht’s gen Osten. Mehr als fünfzig Jahre Zusammenarbeit verbinden den 1938 in Frankreich geborenen Daniel Buren und die Galerie Konrad Fischer. In den Räumen in der Neuen Grünstraße wird nun eine frische Werkgruppe des analytischen Malers gezeigt: natürlich mit seinen charakteristischen, 8,7 cm breiten Streifen. Stets in situ arbeitend, bezieht Buren auch diesmal die umgebenden Räumlichkeiten mit ein. In den über zwei Meter großen, runden Spiegelarbeiten reflektieren sich Architektur und Betrachtende gleichermaßen. Heraus kommt die Wiederholung der Unendlichkeit und damit quasi unerschöpfliches Material für die Gedanken auf dem erschöpften Nachhauseweg.