Gallery portrait
Neu

 

von Kito Nedo

Alexander Schröder und Thilo Wermke waren noch Studenten, als sie 1994 als Mitte-Zwanzigjährige die Galerie Neu auf der Auguststraße in Berlin gründeten. Damals, so die Galeristen, ging es hauptsächlich darum, „sich selbst zu organisieren und nicht einfach das existierende System hinzunehmen.“ Zu dieser zupackenden Philosophie der frühen Jahre gehörte etwa die Gründung eines eigenen Techno-Labels („Neu Records“) mit über dreißig Veröffentlichungen und abendliche Veranstaltungsformate, welche die Grenzen zwischen Galeriebetrieb und Nachtleben zeitweise fließend werden ließen. Heute, über zweieinhalb Dekaden später, verkörpern Schröder (Jahrgang 1968) und Wermke (Jahrgang 1970) mit ihrem Programm selbst schon ein lebendiges Stück hauptstädtischer Kunstgeschichte. Gegenwärtig vertritt die Galerie mit ihrem Programm die Kunst von rund dreißig international renommierten Künstlerinnen und Künstlern, darunter Kai Althoff, Cosima von Bonin, Marc Camille Chaimowicz, Anne Collier, Jana Euler, Cerith Wyn Evans, Florian Hecker, Karl Holmqvist, Sergej Jensen, John Knight, Kitty Kraus, Klara Lidén, Victor Man, Birgit Megerle, Jill Mulleady oder Andreas Slominski.

Galerie Neu (Exterior view location Philippstrasse)
Photo: Stefan Lux
Courtesy Galerie Neu, Berlin

Seit 2014 hat die Galerie ihre Adresse in einem für Ausstellungszwecke umgebauten ehemaligen Heizkraftwerk in einem Hinterhof an der Linienstraße. Das schnörkellose Gebäude versorgte einst die umliegenden DDR-Plattenbauten mit Wärme. Auf der Freifläche neben der Galerie ist Tom Burrs Skulptur „Room Four“ aus dem Jahr 2012 installiert: ein in Bronze gegossenes, offenes Interieur mit Tisch, Stuhl und Schrank, in dem das Innen zum Außen wird und der Blick unwillkürlich in den Berliner Himmel wandert. Am Gebäude selbst leuchtet in der Dämmerung ein kleiner fünfeckiger roter Lichtkasten mit dem markanten Neu-Logo, gestaltet von Daniel Pflumm.

 

Andreas Slominski, transhumanistisch, Galerie Neu, 2017
Foto: Stefan Korte
Courtesy the artist and Galerie Neu, Berlin

Anne Collier, Galerie Neu, 2019
Photo: Stefan Korte
Courtesy the artist and Galerie Neu, Berlin

Kennengelernt haben sich Thilo Wermke und Alexander Schröder in Hamburg. Wermke ist gebürtiger Dresdener und studierte in den frühen Neunzigern Kulturwissenschaften, Politikwissenschaften und Ethnologie an der Berliner Humboldt-Universität. Alexander Schröder studierte in der Klasse von Katharina Sieverding an der Berliner Hochschule der Künste (heute Universität der Künste, UdK) und war außerdem mit der Freien Klasse assoziiert. Bei der Freien Klasse handelte es sich um einen selbstorganisierten Zusammenschluss von Künstlerinnen und Künstlern innerhalb der Akademie. An der Kunsthochschule lernte Schröder unter anderem die bis heute von der Galerie vertretene Foto-Künstlerin Josephine Pryde, die Malerin Katharina Wulff und den Installationskünstler Manfred Pernice kennen.

Zum prägenden Vorbild für das von Neu praktizierte Galerie-Modell wurde der New Yorker Künstler-Galerist Colin de Land (1955–2003), der Schröder und Wermke frühzeitig bereits 1996 auf die relativ junge Kunstmesse Gramercy International Art Fair nach New York einlud, die nach ihrem Austragungsort, dem Gramercy Park Hotel benannt war. De Land hatte ursprünglich Sprachwissenschaften und Philosophie an der NYU studiert und vertrat mit seiner Galerie American Fine Arts, Co. nicht nur konzeptuelle Kunstansätze, sondern betrieb seine eigene Galeristen-Arbeit vorrangig als konzeptuell und gemeinschaftsorientiert.

John Knight, Galerie Neu/ MD72, 2013
Photo: Stefan Korte
Courtesy the artist and Galerie Neu, Berlin

Der Galerie-Ausstellungsbetrieb bei Neu ist oft von einer Reihe anderer Aktivitäten flankiert, die auf das Soziale in der Kunstwelt zielen. Schröder und Wermke waren maßgeblich an der Entwicklung von Berlin-spezifischen Vernetzungen wie der eingestellten Messe „abc – artberlin contemporary“ (2008–2016) oder auch dem 2005 gegründeten Berlin Gallery Weekend beteiligt. Zur Geschichte der Galerie Neu gehören auch der Kreuzberger Projektraum MD72 am Mehringdamm, die INIT-Kunsthalle (1998–2000) an der Chausseestraße in Mitte sowie der nur für kurze Zeit existierende Keller-Club Pelham Anfang der 2000er Jahre. Im Frühjahr 2007 war Wermke an der Gründung des Restaurants „Grill Royal“ beteiligt. Doch die zeitgenössische Kunst ist bis heute der zentrale Fokus des einflussreichen Berliner Galeristen-Duos geblieben.