Gallery Portrait
Galerie Max Hetzler
Beate Scheder, 2021
Remember Everything. So nannte Max Hetzler die Gruppenausstellung, mit der er Ende 2013 das 40. Jubiläum seiner Galerie feierte. Eine Überblicksschau musealen Umfangs war das, Zeugnis über vier Jahrzehnte intensiver Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern, mit Beiträgen aller aus dem aktuellen Programm. Sie prägte sich ein, dem Aufruf, sich an alles zu erinnern, sollte jedoch unbedingt auch darüber hinaus Folge geleistet werden. Die Galerie Max Hetzler hat Geschichte geschrieben und tut das weiterhin.
Albert Oehlen, unverständliche braune Bilder, Galerie Max Hetzler, Berlin, April – August 2021. Courtesy of the artist and Galerie Max Hetzler, Berlin | Paris | London © Albert Oehlen. Photo: def image
Zu den Berliner Standorten der Galerie zählen heute auch die großzügigen Räume in der Potsdamer Straße, die ursprünglich für den Druck des Tagesspiegel errichtet wurden. 17 Meter hoch ist die Halle, vorne und hinten mit Toren versehen, durch die auch große Skulpturen problemlos hinein- und hinausgebracht werden können. Für Arbeiten wie die monumentalen Bronzeplastiken von Christopher Wool gab es in den bisherigen Berliner Räumen von Max Hetzler keinen Platz. Neben den Räumen in der Potsdamer Straße ist die Galerie weiterhin in einer eleganten Altbauwohnung in der Bleibtreustraße vertreten.
Seine erste Galerie hatte Hetzler 1974 noch in Stuttgart eröffnet. 25 war er damals, hatte gerade mal eine Lehre im Kunsthaus Schaller und ein Praktikum bei Hans Mayer in Düsseldorf hinter sich und kurz bei Galerie Rothe in Heidelberg gearbeitet. Nur machen könne man so etwas, wenn man sehr naiv sei – so erklärt der Galerist es heute. „Man braucht Naivität, Enthusiasmus und Chuzpe um eine Galerie zu eröffnen. Und natürlich Respekt vor Künstlerinnen und Künstlern und Liebe zur Kunst.“
Installation view: Bridget Riley, Galerie Max Hetzler, Berlin, September – October 2020. Courtesy the artist and Galerie Max Hetzler, Berlin | Paris | London © Bridget Riley 2021. All rights reserved. Photo: def image
1982 zog die Galerie nach Köln um, „weil man da sein musste, weil da die Künstler sein mussten“, Künstler, mit denen er schon Ende der 1970er Jahre in Stuttgart angefangen hatte zu arbeiten: Albert und Markus Oehlen etwa, Werner Büttner, Martin Kippenberger, Reinhard Mucha oder Günther Förg. Höchst erfolgreiche Jahre folgten für die Galerie im Rheinland. Dann brach Ende der 1980er der Kunstmarkt zusammen. „Gar nichts ging da mehr, es war schrecklich.“ Hetzler wollte einen Neuanfang an einem anderen Ort. Berlin bot sich an. „Wir hatten die Hoffnung, dass Berlin das Zentrum für vieles wird – was dann allerdings 20 Jahre gedauert hat.“ Was die Kunst betrifft, hat Hetzler daran gewiss seinen Anteil – nicht zuletzt auch als Mitgründer und treibende Kraft hinter dem Berliner Gallery Weekend.
Installation view: Jeremy Demester, Stiftung zur Förderung zeitgenössischer Kunst in Weidingen, Weidingen, 2018. Courtesy the artist and Stiftung zur Förderung zeitgenössischer Kunst in Weidingen, Weidingen © Jeremy Demester. Photo: def image
Doch zunächst mussten wieder einmal Räume gefunden werden. Im Osten, so erzählt er es, habe es die damals zwar zur Genüge gegeben, aber eine miserable Infrastruktur. Fündig wurde er stattdessen in einer Fabriketage in Charlottenburg. Von dort aus ging es in den kommenden Jahren quer durch die Stadt: erst in die Zimmerstraße, von dort mit Zwischenstopp in der Holzmarktstraße in den Wedding in die imposanten ehemaligen Osram-Höfe. Eigentlich zu groß waren die für manche seiner Künstler – Glenn Brown wollte dort gar nicht erst ausstellen, sodass der Galerist für ihn seine Wohnung in der Bleibtreustraße frei machte. Zudem steckten die Räume voller technischer Herausforderungen, so erzählt es Hetzler im Rückblick: Es gab einen Lastenaufzug, der ständig steckenblieb, schwierige Lichtverhältnisse, Wasser tropfte von der Decke. Die Künstlerinnen und Künstler nahmen sich diesen freilich gerne an, Albert Oehlen etwa oder Bridget Riley. Mona Hatoum füllte die Osram-Höfe mit unheilvoll vergrößerten Haushaltsgeräten, Rineke Dijkstra mit Foto- und Videoporträts Heranwachsender, André Butzer mit schwarz-weißen N-Bildern. Eine große Erleichterung sei es trotz solch herausragender Ausstellungen gewesen, als sie zurück nach Charlottenburg zogen.
Installation view, André Butzer, Rohe Milch, Galerie Max Hetzler, Berlin, November 2021 – January 2022. Courtesy of the artist and Galerie Max Hetzler, Berlin | Paris | London © André Butzer. Photo: def image
Inzwischen unterhält die Galerie Dependancen in Paris (seit 2014) und London (seit 2018). Die Pariser Galerie wird von Hetzlers Frau Samia Saouma, die Londoner von seinem Sohn Max Edouard Hetzler geleitet. Berlin ist und bleibt aber zentral, auch weil es Hetzler weiterhin Raum gibt, Dinge auszuprobieren – im Gegensatz zu London und Paris, wo vieles schon besetzt und historisch definiert sei. „Berlin ist nach wie vor, was Ausstellungen angeht, eine Wundertüte.
Seit 2012 gibt es außerdem die Stiftung zur Förderung Zeitgenössischer Kunst in Weidingen, in der der Eifel. Dort findet einmal im Jahr eine Ausstellung mit der Möglichkeit zu einer Residency statt. Außerdem ist dort seit 2013 die Bibliothek Günter Förg beheimatet. Ab 2022 wird mit ähnlichem Konzept noch einen weiterer Galeriestandort in Marfa/Texas eröffnen.
Installation view: Günther Förg, Constellation of Colour, Galerie Max Hetzler, London, November 2020 – Januar 2021. Courtesy the estate and Galerie Max Hetzler, Berlin | Paris | London © Estate Günther Förg, Suisse / VG Bild-Kunst, Bonn 2021. Photo: Jack Hems
Installation view: Günther Förg, Constellation of Colour, Galerie Max Hetzler, London, November 2020 – Januar 2021. Courtesy the estate and Galerie Max Hetzler, Berlin | Paris | London © Estate Günther Förg, Suisse / VG Bild-Kunst, Bonn 2021. Photo: Jack Hems
Installation view: Celeste Dupuy-Spencer, But the Clouds Never Hang So Low Before, Galerie Max Hetzler, Berlin, November 2020 – Januar 2021. Courtesy the artist and Galerie Max Hetzler, Berlin | Paris | London © Celeste Dupuy-Spencer. Photo: def image
Max Hetzler sitzt an seinem Schreibtisch im Obergeschoss der Galerie in der Bleibtreustraße, als er davon erzählt, fast schon eine rare Gelegenheit, ihn dort anzutreffen. Das Gespräch findet Ende Oktober statt, gerade ist er von den Messen in Basel, London und Paris zurückgekehrt, in der Woche darauf stehen zwei Eröffnungen in Berlin an, unter anderem die der neuen Räume in der Potsdamer Straße. André Butzer zeigt dort zum Auftakt großformatige Malerei. Als nächstes, für den Februar ist eine Einzelausstellung von Ida Ekblad geplant, mit Malerei und Skulptur. Die Auswahl der beiden ist auch als Bekenntnis zum Standort zu verstehen, so erklärt er es, „eine Hommage an Berlin“, sowohl Butzer als auch Ekblad haben in Berlin ihre Karriere gestartet.
Überhaupt stehen die Künstlerinnen und Künstler bei Hetzler stets an erster Stelle. „Wir versuchen alles zu geben, was im Rahmen unserer Möglichkeiten steht, damit wir gute Ausstellungen machen können.“ Das merkt man ihnen an, damals wie heute, hier wie da.
Installation view: Louise Bonnet, Bathers, Galerie Max Hetzler, Paris, September – October 2021. Courtesy the artist and Galerie Max Hetzler, Berlin | Paris | London © Louise Bonnet. Photo: Nicolas Brasseur