Gallery portrait
Ebensperger
von Christian Ganzenberg
Schaut man sich in der Galerienwelt um, findet man nur noch sporadisch von den jeweiligen Galerist*innen-Namen losgelöste Logos. Ebensperger jedoch wartet mit einer nonchalant aufgestellten Zigarette auf, die uns eine lässige Attitüde, die Bereitschaft zum inhaltlichen und räumlichen Abenteuer sowie die Affinität zum Seltsamen pointiert zum Ausdruck bringt. Das Programm der bereits 2005 gegründeten Galerie lässt sich kurz mit „Off-Beat“ etikettieren. Zwar zieren sich die aufstrebenden Künstler*innen der Galerie nicht vor klassischen Medien wie Malerei, Zeichnungen oder Skulptur, aber markanter sind ihre mediensprengenden und raumgreifenden Ansätze. Viele von den Programmkünstler*innen, unter anderem Hajnal Németh, Lea Draeger, Tim Etchells, David Moises und Julius Deutschbauer, haben nicht nur eine ausgeprägte Affinität zu Film, Raum oder politisch verstandener Performativität gemein; sie scheinen zudem den explorativen und experimentellen Ansatz der Galeristen verinnerlicht zu haben.
Ebensperger, Berlin-Wedding, Gallery entrance
© Photo: Ludger Paffrath
Immer wenn „das Spielbein juckt“ und sich neue Räume auftun, dann konzipiert Patrick Ebensperger äußert behände präzise Präsentationen für ungewöhnliche Orte. Dabei handelt es sich nicht um ‚white cubes‘. Neben dem Fichtebunker, in dem die Berliner Filiale derzeit beheimatet ist, finden sich stattdessen in der Historie der Galerie Präsentationen in einem ehemaligen Krematorium, einer griechischen Taverne, einer Industriehalle, einer Kiezkneipe oder in einem Traditionshotel. Aufwendige Messeteilnahmen, die es dennoch gelegentlich – und dann markant – gibt, braucht es da kaum noch; lieber ist der Galerist mit seinen Trunk-Shows selber unterwegs, gestaltet zeitgemäße Salon-Ausstellungen, um den Fans der Galerie näher zu sein. So waren etwa für die stets humorvoll zwinkernden Zusammenstellungen der Ausstellungsreihen, die sich Neulich an der Salzach oder Neulich in Hernals (im 17. Wiener Bezirk) nannten, jeweils die Räumlichkeiten gestaltgebend.
Angefangen hat alles in einem fünf mal fünf Meter großen Raum in der Grazer Altstadt, weiter ging es in einer Etagenwohnung in einem dortigen Stadtpalais, und bis heute bespielt man hier noch eine Vitrinengalerie. Die Distanz zu den Wiener und Berliner Kunstszenen eröffnete Patrick Ebensperger die Möglichkeit, die Galeriearbeit etwas unkonventioneller und kompromissloser anzugehen. Diese Lust auf Konfrontation zeichnet die Galerie noch heute aus; zudem hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, die Kunst „auf ihr Aktionspotenzial zu untersuchen“ – auf politische, räumlich-inhaltlich erfahrbare Möglichkeiten. Es verwundert daher nicht, dass die Galeriekünstler*innen in Themenausstellungen dazu gern mit performativen Positionen wie John Bock oder Otto Muehl, mit dessen Estate Ebensperger eng zusammenarbeitet, in Beziehung gesetzt werden. Ebensperger überrascht auch mit ungewöhnlichen Einzelpräsentationen, wie von dem Filmregisseur Romuald Karmakar oder der Theatermacherin Marta Górnicka. Beide hatten hier ihre ersten Soloausstellungen und ihre ersten in einer Galerie überhaupt. In diesen Ausstellungen, aber auch in den Präsentationen von Benjamin Heisenberg, Heiner Franzen oder Bjørn Melhus, demonstriert Ebensperger, was „expanded cinema“ im Kunstkontext sein kann – nämlich Filmkunst, die sich in den Raum entfaltet und körperlich erfasst werden muss.
Apropos: Das Logo ist ebenso ein Fundstück, das Kurator Sebastian Hoffmann in besagter Taverne in Salzburg fand und anschließend einfach nur aufgestellt wurde. Das lehrt uns, die Augen offenzuhalten und auf den Raum zu hören, denn die „Kunst muss nicht zum Gebäude passen, sondern die Räume müssen der Kunst neue Möglichkeiten geben.“