Marieta Chirulescu

1 MAI bis 30 MAI 2026
Opening – 1 MAI 2026, 18-21 Uhr

Oberflächlich betrachtet ist Marieta Chirulescu eine Materialistin. Die in ihre Gemälde integrierten Inkjet-Drucke gescannter Bilder nutzt sie nicht, um Fenster zu anderen Ebenen, zu anderen Orten zu öffnen; ebenso wenig hat sie etwas mit dem ästhetischen Idealismus der Post-Internet-Kunst etlicher ihrer Zeitgenoss*innen gemein. Als die Künstlerin in den späten 2000er-Jahren ihre ersten Ausstellungen hatte, galt diese Technik gerade als eine Art Allheilmittel, um der Malerei im Informationszeitalter zu neuer Relevanz zu verhelfen.

Exhibition view Marieta Chirulescu,
Galeria Plan B, Berlin 2026

Photo: Trevor Good

Längst wird diese Hoffnung von anderen, aktuelleren Technologien überflügelt. Die digitale Drucktechnik hat ihren Glamour verloren und kann nicht mehr verbergen, in welchem Maß Malerei und Stoffcollage die fotografische Komponente von Chirulescus Werk in sich aufgenommen haben. Nun wird deutlicher sichtbar, was in dieser Mischung überhaupt was ist – etwas, das stets schwer zu unterscheiden war. Wie Bilder zu Bricolagen arrangiert sind; wie die Bricolage von bedrucktem Stoff Bilder hervorbringt. Mit Fotografie wird monochrome Malerei produziert, mit monochromer Malerei wird fotografische Illusion überdeckt. Ein traditioneller Hemdstoff mit Nadelstreifen, feinsäuberlich zerschnitten, wird zur Zeichnung – befreit von jenem manuellen Eingriff, den eine Bleistiftlinie voraussetzen würde. Wenn nun dieser Stoff eingescannt und auf Leinwand gedruckt wird, liegt in der Tautologie, einen Stoff, nämlich die Leinwand, mit dem Bild von Stoff zu bedrucken und ein Gemälde mit Kleidung zu „bekleiden“, ein humorvolles Vergnügen.

Marieta Chirulescu
Untitled, 2026

UV print and gesso on canvas
260 x 165 cm

Photo: Trevor Good
Courtesy the artist and Plan B Cluj, Berlin

Diese Doppeldeutigkeiten werden kultiviert, aber nicht als Virtuosenstücke. Die verwirrenden Erscheinungen sind bewusst gesetzt, in einer Selbstironie, die es verhindern will, dass irgendein Element des Ganzen sich um seiner selbst willen zur Schau stellt. Es ist schwer zu entscheiden, was wirklich da oder was nur als Bild da ist, mehr noch, dieser Unterschied löst sich auf jeder Ebene in die Materialität einer Oberfläche selbst auf. So sehr klare Entscheidungen verlangt sind, werden die Zufälle und Störungen, die bei ihrer Ausführung auftreten, doch immer einbezogen: Es sind all die scheinbar zerstreut gesetzten Spuren, die Chirulescu auf ihrem unvorhersehbaren Weg zurücklässt, ein Weg, der sie zu ganz bestimmten Folgerungen führt. Selbst die neuerdings vorkommenden seltsamen Zeichen, die aussehen wie gerade entstehende Buchstaben oder Satzzeichen – Ds oder Gedankenstriche –, übernehmen hier eine strukturelle Rolle als in den Stoff geschnittene Läsionen, die unter der Oberfläche eine andere, jedoch zu ihr gehörende Oberfläche offenbaren.

Das Auftragen beginnt oft auf der Rückseite ungewöhnlich dünner Baumwollträger, die wie Pergament durchscheinen und teilweise bemalt werden, um auf der Vorderseite den Eindruck teilweiser Durchsichtigkeit zu erzeugen. Von diesem Hinterfangen mit Malerei bis zur endgültigen Malschicht kann sich der Arbeitsprozess über Jahre hinziehen, immer wieder unterbrochen von Ruhezeiten unbewussten Reifens, eines Wartens darauf, dass sich vielleicht an der einen Stelle etwas verschiebt oder an der andern etwas möglich wird.

Exhibition view Marieta Chirulescu,
Galeria Plan B, Berlin 2026

Photo: Trevor Good

Marieta Chirulescu
Untitled, 2026

UV print and gesso on canvas
260 x 170 cm

Photo: Trevor Good
Courtesy the artist and Plan B Cluj, Berlin

Marieta Chirulescu
Building, 2026

inkjet print, textile, silk on canvas
50 x 34 cm

Photo: Trevor Good
Courtesy the artist and Plan B Cluj, Berlin

Doch trotz ihres schrittweisen Aufbaus folgen diese Gemälde nicht einem fertigen Plan.
Anstatt es uns zu überlassen, sie in ihre Hauptbestandteile und Komponenten zu zerlegen, bringt der Arbeitsprozess ganz am Ende ein alchemistisches Ergebnis hervor: die Abstraktion seiner selbst. Was wie eine Unentschiedenheit zwischen den Medien hätte wirken können, erweist sich als ein Mittel zu diesem abstrakten Endzweck. Davon zeugt auch, wie durchsichtig dünn die Leinwand ist, denn so verbindet die tragende Funktion des Bildträgers mit einem Hinweis auf das Fensterhafte, doch dieses Fenster geht lediglich auf die Wand, an der das Werk hängt. Indem Bildlichkeit erreicht wird, wird zwar die Oberfläche von ihrer bloßen Faktizität befreit, doch verliert sie darüber nicht die ihr wesentliche Materialität.

Chirulescu wäre in der Lage zu untersuchen, wie Bilder das freilegen, was sie freilegen, ohne dass das Freigelegte uns vom Akt des Freilegens selbst ablenken könnte. Angedeutet wird, dass alles, was erscheint, aus einer nicht bis ins Letzte zu ergründenden Synthese aus Projektion und Rezeption besteht, und dass dies einer Uneindeutigkeit der malerischen Ontologie entspricht. Dagegen neigt die zeitgenössische Malerei dazu, in die eine oder in die andere Richtung auszuschlagen: entweder in die Selbstverschleierung des Illusionismus oder in das Sammelsurium des Formalismus. Zu Letzterem gehört die Unterkategorie der abstrakten Malerei, die als Litanei formaler Tricks erscheint, die um der Nische willen geschätzt werden, die sie etablieren.

Marieta Chirulescu
Untitled, 2026

gesso and textile on canvas
95 x 66 cm

Photo: Trevor Good
Courtesy the artist and Plan B Cluj, Berlin

Hier haben wir eine andere, viel spezifischere Definition von Abstraktion in der Malerei vor uns. Etwas zu abstrahieren, heißt wörtlich, es in eine weniger stoffliche Sphäre zu überführen, welche von verschiedenen Projektionen abhängig ist. Die winzigen Herstellungsspuren, aus denen Chirulescus Werk besteht, lassen uns ihren jeweiligen Medien nicht entkommen, aber suggerieren doch, gerade dies wäre möglich. Es sind Fallen, die das Sehen zu einem Hineinsehen, wenn auch nicht zu einem Sehen-als-dies-oder-das machen. Es ist, als wären diese Fallen von einer unverbesserlichen Zweiflerin gestellt worden, die sich zu glauben weigert, auch nur dieser erste Schritt wäre möglich, und doch nie die Hoffnung aufgibt, ihn zu tun.

Mark Prince