Gallery Portrait
Barbara Thumm

von Lydia Korndörfer

Ende der 1990er Jahre zieht es Barbara Thumm, die in London Freie Kunst studiert hat und sich unter den Young British Artists bewegt, nach Berlin. Die deutsche Hauptstadt lockt mit Freiräumen und ist im Begriff, sich zu einer neuen Kunstmetropole zu entwickeln. Thumm will die britische Kunstszene mit der deutschen verknüpfen, Ausstellungen machen, einen Ort von Künstler*innen für Künstler*innen schaffen. Es ist der Geist dieser Jahre, der sich noch heute im Wirken ihrer Galerie erkennen lässt. .

Anna Oppermann, Pardoxe Intentionen, Galerie Barbara Thumm, 2016, Photo: Hans Georg Gaul, Courtesy Galerie Barbara Thumm

In Berlin angekommen, steigt Thumm ins Galeriegeschäft ein: Sie beginnt als Geschäftspartnerin in der Galerie Gebauer und Thumm, beschließt aber kurz darauf, sich auf ihr eigenes Programm zu konzentrieren.. 1997 gründet sie die Galerie Barbara Thumm, deren Sitz sich zunächst in der Auguststraße, später in der Dircksenstraße und schließlich in der Markgrafenstraße befindet,wo sie noch heute ansässig ist. Zu den Künstler*innen der ersten Stunde, die bis heute von der Galerie vertreten werden, gehören Fiona Banner, Fernando Bryce, Anne-Mie Van Kerckhoven , und Martin Dammann. Sie bezeugen die langjährige und enge Zusammenarbeit, die Thumm mit ihren Künstler*innen verbindet. Die Galerie versteht sich dabei von Beginn an auch als Diskursraum: Hier sollen Netzwerke entstehen, Austausch stattfinden. Einen wesentlichen Bestandteil stellt die Zusammenarbeit mit Kurator*innen und internationalen Institutionen dar, in deren Rahmen sich Thumms Offenheit für neue Formate zeigt: So hat die Galerie vor allem in den Anfangsjahren Ausstellungen in Berliner Off-Spaces ausgerichtet, wie beispielsweise die Videoschau NoVacancies!, die sie zusammen mit Angelika Richter, der heutigen Rektorin der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, in einem leer stehenden Haus in Berlin-Mitte kuratiert hat.

Carrie Mae Weems, Lena Horne, 2009. From the series: Slow fade to Black. Inkjet print. Framed 125 x 94 x 4 cm. Edition 2 of 3 with 1 AP. Courtesy Galerie Barbara Thumm

Teresa Burga, Insomnia, Galerie Barbara Thumm, 2018, Photo: Jens Ziehe, Courtesy Galerie Barbara Thumm

Bis heute hat Barbara Thumm mehrere Künstler*innenkarrieren maßgeblich gefördert und vorangetrieben. Zu ihren Erfolgen zählt unter anderem die Etablierung des figurativen Spätwerks von Jo Baer, die insbesondere in den USA ausschließlich für ihre minimalistischen Werke aus den 1960er und 1970er Jahren bekannt war. Auch am internationalen Erfolg der peruanischen und feministischen Konzeptkünstlerin Teresa Burga, die Thumm 2011 in deren Einzelausstellung im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart entdeckt, ist sie bedeutend beteiligt. Die Galerie ermöglichte zudem die Wiederentdeckung von Burgas Arbeiten aus den 1960er und 1970er Jahren: Barbara Thumm ließ die Werke aus dieser Schaffensperiode in Berlin umfassend restaurieren, sodass die poppigen und kräftigen Farben wieder zum Vorschein kamen, die den Arbeiten längst abgegangen waren. Heute verwaltet die Galerie exklusiv den Nachlass der Künstlerin, die 2021 verstorben ist. Seit 2010 betreut sie auch einen weiteren bedeutenden Estate – den der deutschen Konzeptkünstlerin Anna Oppermann. Das Ensemble „Künstler sein“, das die Künstlerin 1977 auf der Documenta 6 zeigte, wurde 2010 bei Barbara Thumm erstmals wieder ausgestellt. Seitdem hat die Galerie kontinuierlich Methoden der Restaurierung und des Re-enactmentskomplexer Installationen der Ensemblekunst von Oppermann erarbeitet.

Als klassische Programmgalerie verfolgt Barbara Thumm eine entschieden feministische Agenda – zwei Drittel der vertretenen Künstler*innen sind Frauen. Einen starken Fokus legt die Galerie zudem schon früh auf künstlerische Positionen aus dem lateinamerikanischen Raum, insbesondere aus Peru. Konzeptuell und/oder figürlich arbeitende Künstler*innengrößen wie Carrie Mae Weems, María Magdalene Campos-Pons, und weitere Künstler*innen aus dem afroamerikanischen, kubanischen und afrikanischen Raum erweitern die international orientierte und generationenübergreifende Auswahl: Aufstrebende Positionen wie die 1986 in Tiflis geborene Anna K.E., die 2019 den georgischen Pavillon auf der Venedig Biennale bespielte, zählen ebenso dazu wie der 67-jährige El Hadji Sy oder die 93-jährige Jo Baer.

#20 New Viewings curated by Philipp Bollmann, Enes Güç & Evelyn Bencicova, Galerie Barbara Thumm, Courtesy Galerie Barbara Thumm

Mit dem Projekt „New Viewings“ reagierte Thumm 2020 auf die Pandemie und knüpfte an die Energie ihrer Anfangsjahre an, indem sie einen innovativen, digitalen Diskursraum schuf. Ausschließlich virtuell umgesetzt, finden sich auf der Homepage des Projektes utopische und dystopische Ausstellungsentwürfe, die von internationalen Künstler*innen und Kurator*innen auf die Räumlichkeiten in der Markgrafenstraße projektiert wurden. Verkauft wird auch hier – die Preise werden online offen kommuniziert – doch ist darüber hinaus vor allem ein neuer Umgang mit dem Digitalen – nicht als Ersatz, sondern eigentlicher Spielort – und ein internationales Netzwerk aus Künstler*innen und Kurator*innen entstanden. .

Sarah Entwistle, The knots of tender love are firmly tied, Galerie Barbara Thumm, 2021, Photo: Jens Ziehe, Courtesy Galerie Barbara Thumm