Stevie Dix
Drift
27 JUN bis 29 AUG 2026
Opening – 26 JUN 2026, 6-9 pm
Seit über einem Jahrzehnt entwickelt Stevie Dix ein verhaltenes, stimmungsvolles und sich ständig erweiterndes malerisches Universum. Mit der Zeit fanden auf diese Weise eine Reihe zentraler Motive Eingang in ihre Praxis: Fragmente von Kleidung, flüchtige weibliche Silhouetten, und Wege, die ins Nichts führten. Diese hieratischen Symbole wurden in ein dichtes Gemisch aus Öl und Bienenwachs übersetzt, das eine subtile Palette erdiger Töne schafft. Sie lassen die Außenwelt verschwinden, als würde man sie hinter geschlossenen Jalousien – oder Augenlidern – wahrnehmen. In ihrer zweiten Einzelausstellung bei carlier | gebauer Berlin erkundet die belgische Künstlerin unbeschriebene Gebiete. Ihr neustes Werk entstand aus der Erfahrung des Verlusts ihrer Mutter, ein persönlicher Leidensweg, der sich mit ihrer Vorbereitung ihren Sohn zur Welt zu bringen und selbst Mutter zu werden, überschnitt. Drift, der Titel der Ausstellung, verweist darauf, wie Trauer, Verlust und Freude ineinanderfließen in einem „sich verändernden Zustand, unerwünscht und instabil1“.
Stevie Dix,
Drift
Installation view.
Courtesy of the artist and the gallery.
Photo by Andrea Rossetti
Als Dix ins Atelier zurückkehrte, wurde das Medium der Malerei für sie zu etwas wie einem
Gefäß oder einem Webstuhl. Ihre Mutter war selbst Künstlerin, eine begabte Malerin und Töpferin, die ihre Werke in provisorischen Kulissen mit einer Einwegkamera dokumentierte.
Diese verschwommenen, verblassten Schnappschüsse wurden zum Ausgangspunkt für Dix’ neue Gemälde, wie etwa die blassgelbe Leinwand in der Ausstellung, die eine inszenierte Fotografie einer Keramikvase mit getrockneten Blumen in ein biomorphes, leuchtendes Motiv verwandelt.
In mehreren Werken wiederholt, erhält es die keimende Qualität einer Zelle, eines Atoms oder eines Samens, in unaufhörlicher Verwandlung. Während Dix tiefer in einen abstrakteren
Bereich vordringt, werden wir zu den spirituellen Ursprüngen der westlichen Abstraktion zurückgeführt: einer Art der Kommunikation mit dem Unsichtbaren, die ein Repertoire an Formen kanalisiert, die an Lichtstrahlen und elektromagnetische Signale erinnern2.
Thats the sky my mother died under, 2026
Oil and wax on Belgian linen
49cm x 33cm
Eternal life, 2026
Oil and wax on Belgian linen
30cm x 24cm
June, 2026
Oil and wax on Belgian linen
45cm x 35cm
Stevie Dix,
Drift
Installation view.
Courtesy of the artist and the gallery.
Photo by Andrea Rossetti
From 1977 to 1979, Roland Barthes kept a mourning diary (Journal de deuil) recording the
Von 1977 bis 1979 führte Roland Barthes ein Tagebuch der Trauer [Journal de deuil], in dem er den subtilen Fluss der Traurigkeit, die Phasen der Trauer und die Universalität des Verlusts festhielt. Der französische Semiotiker begann am Tag nach dem Tod seiner Mutter zu schreiben und nutzte dafür kleine Zettel, aus denen sich bald eine tägliche Praxis entwickelte. Er verspürte das Bedürfnis, seinen akademischen Schreibstil in Richtung Belletristik zu verlagern. Da er sich einen Neuanfang wünschte, nannte er es Vita Nova : neues Leben3. Für Dix wurde die Trauer ebenfalls zu einem Katalysator für formale Erneuerung, da sie ihre neuesten Gemälde zu einer ursprünglichen, reduzierten Ausdrucksform führte. Im gesamten
Raum weichen die anfänglichen Referenzen karminroten Symbolen, die durch pulsierende
Unterströmungen miteinander verbunden sind. Sie verwandeln sich in stachelige Ranken und implodierende Sphären und nehmen eine eigene kosmische Existenz an.
Text von Ingrid Luquet-Gad