Mikołaj Sobczak
Ancora
25 JUN bis 1 AUG 2026
Capitain Petzel freut sich, die zweite Einzelausstellung von Mikołaj Sobczak in der Galerie anzukündigen. Im Zentrum der Ausstellung stehen drei großformatige Gemälde, die im Auftrag des Salzburger Kunstvereins entstanden sind. Sie wurden erstmals 2025 in der Ausstellung Moon, Sun, Mercury im Salzburger Kunstverein gezeigt, welche vom Kulturministerium der Republik Polen unterstützt wurde.
Mikołaj Sobczak
FAMILY PORTRAIT, 2025
Signed and dated verso
Collage on masonite
50 x 25 cm
19.7 x 9.8 inches
(B-MSOBCZAK-.25-0013)
© Mikołaj Sobczak
Courtesy the artist and Capitain Petzel, Berlin
Ph.: Gunter Lepkowski
In Ancora (italienisch für „wieder“ oder „immer noch“) verknüpft Mikołaj Sobczak vergangene Ereignisse mit Details aktueller Geschehnisse und rückt dabei die endlosen Schleifen in den Fokus, in denen sich historische Narrative fortwährend neu konfigurieren. Dabei erschließt er jede Epoche jeweils über ihre vielfältigen Bezüge – von politischen Persönlichkeiten und Prominenten bis hin zu popkulturellen Referenzen, technologischen Entwicklungen und Memes.
In den Werken der Ausstellung verbinden sich historische Allegorien, queere Identitäten und zeitgenössische Gesellschaftskritik zu einer dichten, vielschichtigen Bildsprache. Die Gemälde Moon (Propaganda), Sun (Magical Realism) und Mercury (Underground) versammeln eine Vielzahl historischer und zeitgenössischer queerer Aktivist:innen, revolutionärer Figuren, Schriftsteller:innen, Künstler:innen und Wissenschaftler:innen. Sie treten in klar choreografierter Nähe zu antagonistischen Archetypen auf, die von Tech-Oligarchen bis hin zu grotesken Personifikationen von Kapitalismus und Faschismus reichen. Indem Mikołaj Sobczak diese disparaten Figuren auf großformatigen Leinwänden zusammenführt – einem Format, das typischerweise historischen Tableaus vorbehalten ist – legt er Narrative von Widerstand und Überleben angesichts erdrückender Machtverhältnisse frei.
Mikołaj Sobczak
MOON (PROPAGANDA), 2025
Signed and dated verso
Acrylic on canvas
200 x 477 cm
78.7 x 187.8 inches
(B-MSOBCZAK-.25-0001)
© Mikołaj Sobczak
Commissioned and produced by Salzburger Kunstverein and co-financed by the Ministry of Culture and National Heritage, Republic of Poland.
Courtesy of the artist
Ph: kunst-dokumentation
Mikołaj Sobczak
SUN (MAGICAL REALISM), 2025
Signed and dated verso
Acrylic on canvas
200 x 477 cm
78.7 x 187.8 inches
(B-MSOBCZAK-.25-0002)
© Mikołaj Sobczak
Commissioned and produced by Salzburger Kunstverein and co-financed by the Ministry of Culture and National Heritage, Republic of Poland.
Courtesy of the artist
Ph: kunst-dokumentation
Mikołaj Sobczak
MERCURY (UNDERGROUND), 2025
Signed and dated verso
Acrylic on canvas
200 x 477 cm
78.7 x 187.8 inches
(B-MSOBCZAK-.25-0003)
© Mikołaj Sobczak
Commissioned and produced by Salzburger Kunstverein and co-financed by the Ministry of Culture and National Heritage, Republic of Poland.
Courtesy of the artist
Ph: kunst-dokumentation
Den linken Bildrand des Gemäldes Moon (Propaganda) besetzt eine an Georg Grosz‘ Die Säulen der Gesellschaft (1926) angelehnte Reiterfigur. Das Hakenkreuz, das im Original die Krawatte des Reiters zierte, wurde durch das Logo von X (ehemals Twitter) ersetzt. Daneben versucht eine muskulöse Gestalt, die an die Comicfigur Silver Surfer erinnert, das zerbrochene Fass des „Kapitalismus“ zu retten, indem sie einen Ring mit der Aufschrift „Faschismus“ hinzufügt. Als Gegenpol führt Sobczak Persönlichkeiten wie Paracelsus, Dante Alighieri und den okkultistischen Schriftsteller Heinrich Cornelius Agrippa ein.
Rechts im Bild befindet sich ein Selbstporträt des Künstlers, das auf seine Performance Lutzi Puppe Wutzi (2023) anspielt, bei der er mit einer lebensgroßen Bauchrednerpuppe des Erzherzogs Ludwig Viktor auftrat, der als Mitglied der österreichischen Kaiserfamilie im 19. Jahrhundert als offen queerer Mann leben konnte. Im Zentrum des chaotischen Aufgebots gegensätzlicher Kräfte stehen Flüchtlinge, die an die realen Folgen propagandistischer Strategien erinnern: Gewalt, Unterdrückung und letztlich Tod.
Mikołaj Sobczak
TAROT, 2025
Signed and dated verso
Collage on masonite
25 x 50 cm / 9.8 x 19.7 inches
Framed dimensions:
45 x 70 cm / 17.7 x 27.6 inches
(B-MSOBCZAK-.25-0010)
© Mikołaj Sobczak
Courtesy the artist and Capitain Petzel, Berlin
Ph.: Gunter Lepkowski
Die Arbeit Sun (Magical Realism) versammelt Motive, die sich mit Verletzung und Genesung auseinandersetzen. Mittig erscheint Luigi Mangione in Gestalt eines Superhelden. Ihm wird vorgeworfen, im Jahr 2024 Brian Thompson, den CEO des größten US-Krankenversicherers UnitedHealthcare, erschossen zu haben. Aufgrund eines Manifests, in dem er die Praktiken des US-Gesundheitssystems kritisiert, wird er im Internet als Symbolfigur im Kampf gegen den Missbrauch durch medizinische Konzerne wahrgenommen. Der Rücken des Kurators und Aktivisten Tomek Pawłowski-Jarmołajew trägt die Spuren eines homophoben Angriffs. Seine Wunden werden von Volksheilerinnen versorgt. Eine Frau, die einem kommunistischen Propagandaplakat entsprungen zu sein scheint, nimmt die Pose des Magiers aus dem Tarot ein. Jeff Bezos, ehemaliger CEO von Amazon, erscheint als Vampir. Er schneidet das lange Haar einer nachdenklichen Figur, die auf einer grünen Uber Eats-Lieferbox sitzt – ein Selbstporträt des Künstlers. Unter seinen Füßen liegt eine alte, brennende Weltkarte mit einer Personifizierung Europas. Die Motivkonstellation verdichtet sich zu einer Szene der Transformation.
In Mercury (Underground), dem dritten und letzten großformatigen Gemälde, sind Aktivist:innen, Schriftsteller:innen und Künstler:innen in einem unterirdischen Schacht versammelt. Die lesbische Autorin Eve Adams – dargestellt mit ihrem Buch Lesbian Love – versucht, den Fängen eines Ermittlers zu entkommen. Ihre Verhaftung führte 1927 zu ihrer Deportation aus den USA; Jahre später wurde sie im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ermordet. Formal wird das Gemälde durch einen Bach geteilt, der im hinteren Teil der Höhle entspringt und an Catherine Deneuve sowie einem geisterhaften Martin Luther vorbeifließt. Auf der rechten Seite des Baches erscheint der polnische Queer-Aktivist Stanisław Chmielewski, der als Teil eines Widerstandsnetzwerks schwuler Männer während der NS-Besatzung Polens half, Juden und Jüdinnen mit gefälschten Ausweispapieren aus dem Warschauer Ghetto zu schmuggeln. Merkur, in der Antike als Begleiter der Toten ins Jenseits bekannt, symbolisiert hier die Rettung und Erneuerung durch Kunst und zivilgesellschaftliches Engagement.
Mikołaj Sobczak
MALE FANTASIES, 2025
Signed and dated verso
Collage on book cover
Image dimensions:
34 x 23.9 cm / 13.4 x 9.4 inches
Framed dimensions:
50 x 40 cm / 19.7 x 15.8 inches
(B-MSOBCZAK-.25-0005)
© Mikołaj Sobczak
Courtesy the artist and Capitain Petzel, Berlin
Ph.: Gunter Lepkowski
Die Ausstellung wird von Collagen begleitet, die in Salzburg als „Fußnoten“ bezeichnet wurden. In kleinerem Maßstab greifen sie die in den Gemälden angelegten Ideen, Zeitachsen und Ikonografien auf und verleihen der Ausstellung eine besondere Intimität. Aus Materialien gefertigt, die auf den Straßen Berlins gefunden wurden, können sie als Ausdruck dessen gelesen werden, was verdrängt und aus dem Privaten buchstäblich hinausgeworfen wurde. Figuren, die sich mit Sport, Wissenschaft, Krieg und Unterhaltung beschäftigen, verschränken sich mit Bildern der Schlacht von Stalingrad, Karten vergangener und gegenwärtiger deutscher Gebiete, einem Artikel über die Ermordung John F. Kennedys sowie Motiven aus dem Rider-Waite-Tarotdeck. Hinzu treten lasziver Orientalismus, verkörpert durch Rudolph Valentino in einem Standbild aus Der Scheich (1921), Werbefotografien von Josephine Baker sowie Darstellungen von Frauenwahlrechtsaktivistinnen und queeren Ikonen wie Vaginal Davis, James Dean und Marlon Brando.
Drei Gemälde in kleinerem Format hat der Künstler eigens für die Ausstellung geschaffen. Als Artist in Residence in der Villa Romana in Florenz verwendete er dafür leicht sandige Pigmente, die bereits in der Renaissance gebräuchlich waren. Diese Arbeiten richten ihren Fokus – ebenso wie das in der Ausstellung immer wieder auftauchende Selbstporträt – auf das Konzept des „Ancora“: die Betonung dessen, wie Geschichte in unseren Körpern und unserer Vorstellungskraft fortlebt und unsere Zukunft prägt. Auch die gezeigten Vasen, im Delfter Stil in einer traditionsreichen Porzellanmanufaktur in Polen gefertigt, verweisen auf historische Handwerkstradition. Dahinter stehen Geschichten von Migration, Verfolgung und kulturellem Austausch: So brachten mennonitische Glaubensflüchtlinge im 18. Jahrhundert ihre handwerklichen Techniken aus den Niederlanden in neue Regionen Europas. Vergangenheit erscheint hier nicht als etwas Feststehendes, sondern als etwas, das in jedem Medium und von jeder Generation immer neu imaginiert und verhandelt wird.
„Gibt es denn einen besseren Weg, sich der Zukunft zu nähern, als durch das Verständnis der Vergangenheit?“
– Arash Shahali
Mikołaj Sobczak nimmt aktuell an der Gruppenausstellung House of Nisaba: New Stories of Painting im Moderna Museet, Stockholm, teil. Im Juni eröffnet seine Einzelausstellung Teilen und Herrschen im Polnischen Institut, Düsseldorf; zudem ist er bei der Manifesta 16 Ruhr sowie bei FIRE am Mahnmal St. Nikolai, Hamburg, vertreten. Sein erstes Buch Anti-Fascist Art Manifesto erscheint im Sommer 2026. Eine gleichnamige Performance präsentiert der Künstler im Juli im NS-Dokumentationszentrum München.
Zu den jüngsten Einzelausstellungen von Mikołaj Sobczak zählen ROZENSTRAAT, Amsterdam; Salzburger Kunstverein; Jester – Flanders Arts Institute, Genk, Belgien; und Kunsthalle Münster. Seine Werke wurden in zahlreichen Gruppenausstellungen gezeigt, darunter im Ludwig Forum, Aachen; Shedhalle, Zürich; Haus der Kulturen der Welt, Berlin; MUDAM, Luxemburg; Museum für moderne Kunst, Warschau; Whitechapel Gallery, London sowie im Folkwang Museum, Essen. Arbeiten von Mikołaj Sobczak befinden sich unter anderem in den Sammlungen des Los Angeles County Museum of Art (LACMA); Moderna Museet, Stockholm; Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf; Ludwig Forum, Aachen; The Perimeter, London; Museum für moderne Kunst, Warschau und des Nationalmuseums Danzig. 2021 wurde Sobczak mit dem Paszport Polityki, dem renommiertesten Kunstpreis Polens, ausgezeichnet. Er war Artist in Residence an der Rijksakademie van beeldende kunsten in Amsterdam und nahm am Residenzprogramm Art Explora – Cité internationale des arts in Paris teil. Als einer von vier ausgewählten Künstler:innen wurde er kürzlich mit dem Villa Romana Preis für das Jahr 2026 ausgezeichnet.