Philipp Gufler
Imitations of Paul

1 MAI until 4 JULI 2026
Opening – 1 MAI 2026, 18-21 Uhr

Nur die wenigsten Biografien hinterlassen ein geschlossenes Archiv. Die meisten existieren vor allem als Spur – in Bildern, in Beziehungen, in dem, was wiederholt, zitiert oder verschwiegen wird. Das Werk von Philipp Gufler setzt genau an diesen Leerstellen an und integriert Fragmente von Geschichte(n) in seine künstlerische Praxis. Für die Ausstellung „Imitationen von Paul“ tritt er in einen Dialog mit dem Maler Paul Hoecker (1854–1910), dessen Leben und Werk lange marginalisiert wurden und dessen umfangreiches Œuvre bis heute nicht vollständig katalogisiert ist. Hoecker’s Karriere fand 1898 ein abruptes Ende, nachdem seine Homosexualität öffentlich zu werden drohte.

Philipp Gufler,
„Sexualästhetiken 2“, 2025

Ceramics, glazed
57 x 38 x 1

Courtesy BQ, Berlin.
Photo Roman März

In „Imitationen von Paul“ nimmt Gufler Hoeckers vielschichtige Biografie zum Ausgangspunkt für einen Akt künstlerischer Identifikation. Die gezeigten Stoff- und Keramikarbeiten untersuchen, wie sich aus fragmentarischen, archivalischen Spuren neue Formen, Bilder und Erzählungen entwickeln lassen. Imitation erscheint hier jedoch nicht als bloße Nachahmung, sondern – in Anlehnung an die Kunstform des Drag – als Praxis der Aneignung, Überspitzung und Transformation: als ein produktives Verfahren, das Nähe herstellt, Differenz anerkennt und im Wiederholen etwas Eigenständiges hervorbringt.

Der Erzählung gegenüber, die Abgeschlossenheit behauptet, begreifen Guflers Arbeiten Geschichte als offenes Gefüge, das durch künstlerische Bezugnahme weitergeschrieben und verschoben werden kann. In der bewussten Wiederaufnahme von Motiven, Haltungen und Gesten entsteht eine neue Setzung.

Während die Stoffarbeit „Imitationen von Paul“ allen bislang bekannten Arbeiten Hoeckers in Form textiler, halbtransparenter Siebdrucke eine beinahe geisterhafte Präsenz im Galerieraum verleiht, beschreitet Gufler mit der Keramikserie Sexualästhetiken einen neuen Weg. Hier treffen Bilder aus und über Hoeckers Leben auf kunst- und sozialhistorische Bildzitate, die den umfangreichen Bildsammlungen aus dem Umfeld des Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld entnommen sind. Die zitierten Motive kreisen um Lust und Sexualität und reichen von prähistorischen Höhlendarstellungen über mittelalterliche und neuzeitliche Kunst bis hin zu Fotografien des frühen 20. Jahrhunderts. So kombiniert Gufler Hoeckers Gemälde „Ave Maria“ unter anderem mit einem Holzschnitt, der die Folter von Menschen zeigt, deren teils lustvoller Gesichtsausdruck jedoch weniger an Leiden als vielmehr an Marquis de Sade erinnert. Diese Arbeiten lösen sich von einer biografischen Lesart im engeren Sinne. Sie funktionieren assoziativ.

Philipp Gufler
„Imitationen von Paul“, 2026

Screen print on fabric

Courtesy BQ, Berlin.
Photo Roman März

Sowohl den Stoff- als auch den Keramikarbeiten ist dabei eine ausgeprägte Körperlichkeit eigen: Die Stoffarbeit zeigt Hoeckers bisher bekanntes Œuvre und verleiht den Motiven trotz ihrer materiellen Leichtigkeit eine unleugbare Präsenz, wobei der weiße Stoff alle Motive versammelt, die der Forschung bisher bekannt sind, während der schwarze Stoff jene Motive zeigt, die heute als verschollen oder zerstört gelten oder deren aktuelle Besitzer*innen die Forschungsgruppe Paul Hoecker bisher nicht ausfindig machen konnte. Von jedem Gemälde fertigte Gufler in physisch anspruchsvollen Arbeitsschritten Siebdrucke im Originalmaßstab an. Auch in den Keramikarbeiten nutzt er die Siebdrucktechnik und schichtet die Motive zwischen den einzelnen Brennvorgängen übereinander, die schließlich von der stark glänzenden Glasur teilweise wieder verdeckt werden. Dieses bewusste Spiel mit Ver- und Enthüllung erhält durch die Verwendung von Stempeln eine zusätzliche räumliche Dimension und macht die Arbeiten zu Reliefs. In ihrer ausgeprägten Materialität bilden die Keramikarbeiten eine spannungsvolle Ergänzung zur immateriell wirkenden Stoffarbeit.

Als Gründungsmitglied der Forschungsgruppe Paul Hoecker ist Gufler selbst an der kollektiven Recherche zu Hoeckers Leben und Werk beteiligt. Diese gemeinschaftliche Wissensproduktion bildet einen wesentlichen Hintergrund der Ausstellung und wird exemplarisch durch eine Zusammenstellung relevanter Archivalien im letzten Ausstellungsraum präsentiert. Die gemeinsam erarbeiteten Erkenntnisse übersetzt Gufler schließlich in seine eigenständige künstlerische Perspektive. Die Ausstellung entfaltet sich so im Spannungsfeld von kollektiver Wissensproduktion, individueller Autor*innenschaft und der kritischen Reflexion einer lange marginalisierten Künstlerbiografie.

Detail view

Philipp Gufler
„Imitationen von Paul“, 2026

Screen print on fabric

Courtesy BQ, Berlin.
Photo Roman März

Begleitend zur Ausstellung erscheint die Publikation „Spuren von Paul / Traces of Paul“ (Splitter 19, Forum Queeres Archiv München in Kooperation mit BQ, Berlin), die Ausstellung und Forschung als performative Kollektivarbeit verbindet. In der Vielstimmigkeit von Texten und Bildern erscheint Paul Hoecker als Teil eines offenen Prozesses fortlaufender historischer und künstlerischer Neubefragung.

02. Mai 2026, 15.00 h
Buchpräsentation „Spuren von Paul / Traces of Paul“, Forum Queeres Archiv München e.V. und BQ, Berlin
Philipp Gufler im Gespräch mit Stefan Gruhne, Nicholas Maniu und Christina Spachtholz (Forschungsgruppe Paul Hoecker)
Das Gespräch wird auf Deutsch gehalten.